Samstag, 19. Januar 2013

Parzival

Sagnix, lesfix: (shitt, denk an Wagner....)
Gurnemanzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz



Wolfram von Eschenbach: Parzival und Titurel - Kapitel 1
Quellenangabe

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Parzival und Titurel

Rittergedichte

VON

Wolfram von Eschenbach

übersetzt und erläutert

VON

Karl Simrock

Sechste durchgesehene Auflage
Stuttgart.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.
1883.


Inhalt.

 Kapitel 2 >>


















Wolfram von Eschenbach: Parzival und Titurel - Kapitel 5
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       5  »Die Köngin denkt gewiss, du tobst,
Daß du also mich belobst.
Verkaufen wirst du doch mich nicht:
Leicht sieht der Käufer, wo's gebricht.
Du hast den Mund zu voll genommen.
10  Doch wie bist du hieher gekommen?«
»Das werthe Volk von Punturtois
Hat mich und diesen Champanois
Freigeben dieses Mal.
Morholt, der meinen Neffen stahl,
15  Von dem soll er entledigt sein,
Wenn Herr Brandelidelein
Ledig wird von deiner Hand.
Wir stehn noch beide sonst zu Pfand,
Ich und meiner Schwester Sohn:
20  Du lösest uns, das weiß ich schon.
Ein Vesperspiel nur gab es hier;
Es kommt nun gar nicht zum Turnier
Diesesmal vor Kanvoleis,
Wenn ich die rechte Märe weiß.
25  Der Aeußern Stärke sitzet hie:
So sage selbst, wie könnten sie
Vor uns das Feld noch halten?
Großen Preises magst du walten.«
Da wandte sich die Königin
Zu Gachmureten bittend hin:
87  »Was mein Recht nun an euch sei,
Ich flehe, laßet mich dabei:
Gern wär ich eurer Huld auch werth.
Könnte, wenn ihr dieß gewährt,
5  Euer Preis zu Schaden kommen,
So würde mir Entsagung frommen.«
Anflise, der Königin,
Der weisen mit bescheidnem Sinn,
Auf sprang ihr Kapellan alsbald.
10  Er sprach: »Nicht doch, sein hat Gewalt
Meine Frau, die in dieß Land
Um seine Minne mich gesandt.
Schon lang verzehrt sie sich um ihn:
Ihrer Minne hat er sich verliehn,
15  Sie soll ihn auch behalten, traun:
Denn sie liebt ihn über alle Fraun.
Ihre Boten sind hier Fürsten drei,
Kinder alles Tadels frei.
Der eine heißet Lanzidant
20  Von hoher Art aus Grünland:
Der ist gen Kärlingen gekommen
Und hat die Sprache angenommen;
Der andre heißet Liadarz,
Fils dü Comte Schiolarz.«
25  
Wer denn nun der dritte wäre,
Davon vernehmet auch die Märe.
Seine Mutter hieß Belleflur
Und sein Vater Pansamur:
Die waren von der Feien Art;
Das Kind hieß Liachturteltart.
88  Die liefen alle drei vor ihn
Und sprachen: »Herr, hast du nun Sinn
(Dir zollt la Reine de France
Der werthen Minne Schanze),
5  So magst du spielen sonder Pfand,
Deine Freud ist Kummers frei zuhand.« [Fußnote]
Als diese Botschaft ward vernommen,
Kailet, der näher war gekommen,
Sprach heimlich mit der Königin;
10  Da wandte sie das Wort an ihn:
»Sag an, ist dir noch mehr geschehn?
Ich habe Blut an dir gesehn.«
Da begriff sie ihm zur Stunden
Seine Quetschungen und Wunden
15  Mit ihren linden Händen weiß,
Auf die verwandt war Gottes Fleiß.
Da hatt er manchen Schaden,
War mit Schrunden überladen
An Hüfte, Kinn und an der Nase.
20  Vermählt war ihm der Königin Base,
Die ihm diese Ehr erzeigte,
Sich so nahe zu ihm neigte.
Da sprach sie, wie die Zucht sie hieß,
Zu Gachmureten nur noch dieß:
25  »Der Franzosen Königin
Entbeut euch minniglichen Sinn.
Nun ehrt an mir die Frauen all
Und bringet nicht mein Recht zu Fall.
Bleibt hier, bis ich mein Recht genommen;
Ihr laßt mich sonst zu Schaden kommen.«
89  Das versprach der werthe Mann;
Mit Urlaub schied sie da hindann.
Sie hob Kailet, der Degen werth,
Ohne Schemel auf ihr Pferd.
5  Wieder trat er dann herein,
Wo er fand die Freunde sein.
Er sprach zu König Hardeiß:
»Eure Schwester Aleiß
Bot mir einst Minne, die ich nahm.
10  Da nun ein Andrer sie bekam
Und ein Beßerer als ich,
So erlaßt doch eures Zornes mich.
Sie hat den Fürsten Lämbekein;
Soll sie auch nicht gekrönet sein,
15  Sie herscht doch als gewaltge Frau.
Brabant und Hennegau
Dient ihr, und mancher Ritter gut.
Grüßt mich nun wieder frohgemuth,
Laßt mich in euern Hulden stehn:
20  So soll mein Dienst euch nicht entgehn.«
Gaskoniens König sprach dagegen
Ernstlich, wie Männer pflegen:
»Eure Rede stäts war süße:
Wenn ich euch wieder grüße,
25  Dem ihr so manche Schmach gethan,
So scheint es, Furcht war Schuld daran.
Mich fing hier eurer Muhme Sohn;
Der wägt zwar Niemand übeln Lohn.«
»Euch giebt wohl ledig Gachmuret:
Das sei zuerst von ihm erfleht.
90  Wenn ihr dann ungezwungen seid,
So erlebt mein Dienst wohl noch die Zeit,
Daß ihr mich zum Freunde nehmt;
Ihr habt euch nun genug geschämt.
5  Was mir auch von euch geschicht,
Eure Schwester schlüge mich doch nicht.«
Der Rede lachten sie zumal;
Bald ward getrübt der Freude Schall:
Versunken saß aufs Neue,
10  Der Wirth in Leid und Reue,
Denn Jammer ist ein scharfes Reis.
Sie sahen Alle rings im Kreiß,
Wie er schwer mit Kummer rang
Und seine Freude Leid bezwang.
15  Seiner Muhme Sohn hub zürnend an
Und sprach: »Du thust nicht wohl daran.«
»Nein, ich weiß, warum ich traurig bin:
Aus Sehnsucht nach der Königin.
Ich ließ zu Patelamunt,
20  Um die mir noch das Herz ist wund,
Von reiner Art ein süßes Weib.
Ihre Reinheit legt mir Seel und Leib
In des Minnekummers Band.
Sie gab mir Leute, gab mir Land.
25  Mannliche Freuden meinem Sinn
Belakane raubt die Königin:
Scham geziemt dem Mann doch gut
Um der Minne Wankelmuth.
Da mich ihre Zärtlichkeit
Hütete vor Kampf und Streit,
91  Da wähnt ich, daß mir Ritterschaft
Sänftete des Unmuths Kraft;
Hier hab ich doch genug gethan.
Wohl denkt manch unverständger Mann,
5  Daß ihre Schwärze mich vertrieb:
Die war mir wie die Sonne lieb.
Mir schafft der Werthen Preis dies Leid:
Sie hat die höchste Würdigkeit.
»Ich muß das Ein und Andre klagen:
10  Meines Bruders Wappen sah ich tragen
Mit emporgekehrtem Ende.«
Weh diesem Elende!
Wie laut der Jammer da erscholl!
Die Augen wurden Waßers voll
15  Auch dem kühnen Spaniole:
»O weh, Königin Fole, [Fußnote]
Um deine Minne starb den Tod
Galoes: das ist die Noth,
Die treulich klagen sollten
20  Alle Frauen, wenn sie wollten,
Daß es ihrer Sitte brächte
Ruhm, wo man des gedächte.
Ja, Averrens Königin,
Rührt es dir auch nicht den Sinn,
25  Den Freund verlor ich doch durch dich,
Dem das Ende ritterlich
Gab eine Tjost, die ihn erschlug,
Als er deine Farben trug.
Nun wollen Fürsten, die ihm waren
Genoßen, keine Klage sparen.
92  Sie haben ihres Schildes Breite,
Als zum Trauergeleite,
Zu der Erden gekehrt,
Wie sie großer Kummer lehrt.
5  Also thun sie Ritterschaft.
Sie überwältigt Jammers Kraft,
Da Galoes, meiner Muhme Sohn,
Nicht Dienst mehr thut um Minnelohn.«
Als er vernahm des Bruders Tod,
10  Das schuf ihm neue Herzensnoth.
Da sprach der Degen jammerhaft:
»Wie hat nun meines Ankers Haft
Grund erfaßt bei einem Grab!«
Da legt' er dieses Wappen ab.
15  Das Herz ihm schier vor Jammer brach.
Der Held aus wahrer Treue sprach:
»Von Anschau Galoes!
Wohl versichert sind wir des:
Nie wurde so mannliche Zucht
20  Geboren; wahrer Milde Frucht
Dir aus dem Herzen blühte:
Nun erbarmt mich deine Güte.«
Da begann er zu Kailetten:
»Wie ergeht es nun Schoietten,
25  Der Mutter mein, der Freudenarmen?«
»So daß Gott es mag erbarmen:
Da ihr erstorben war Gandein,
Und Galoes, der Bruder dein,
Und sie auch dich nicht bei sich sah,
Im Tode brach das Herz ihr da.«
93  
Da sprach der König Hardeiß:
»Nun kehrt auf Mannheit euern Fleiß.
Wenn ihr Mannheit wißt zu tragen,
Sollt ihr das Leid mit Maßen klagen.«
5  Sein Kummer leider war zu groß:
Ein Guß ihm von den Augen floß.
Er schuf den Rittern gute Ruh;
Er selbst ging seiner Kammer zu,
Ein kleines Zelt von Samt: die Nacht
10  Ward mit Jammer zugebracht.
Als der andre Tag erschien,
Vereinten Alle sich dahin,
Das innre wie das äußre Heer:
Wer zum Streit zugegen wär,
15  Sei er alt oder jung,
Sei er schwach, sei stark genung,
Sie tiostierten heute nicht.
Da schien der mitte Morgen licht.
Sie waren auch so aufgerieben,
20  Die Pferde schon so abgetrieben,
Daß die Ritter kühn im Streit
Doch übernahm die Müdigkeit.
Selber ritt die Königin
Zu Felde nach den Werthen hin
25  Und nahm sie mit sich in die Stadt,
Wo sie die Allerbesten bat,
Daß sie zum Löwenplane ritten.
Da geschah nach ihren Bitten:
Sie kamen, als man Messe sang
Dem traurgen König von Zaßamank.
94  
Da nun gegeben ward der Segen,
Frau Herzeleide war zugegen.
Nun sprach sie Gachmureten an:
Ihr Recht erkannte Jedermann.
5  Da sprach er: »Frau, ich hab ein Weib,
Die ist mir lieber als der Leib.
Wenn ich der ledig wäre,
Wüst ich noch andre Märe,
Damit entging' ich euch fürwahr,
10  Nähm Jemand meines Rechtes wahr.«
Sie sprach: »Die Möhrin laßet
Und nach meiner Minne faßet;
Die Taufe hat viel beßre Kraft.
Begebet euch der Heidenschaft,
15  Nach unserm Glauben mich zu minnen;
Eure Minne liegt mir in den Sinnen.
Oder bringt mir Ungewinn
Der Franzosen Königin?
Ihre Boten haben süß gesprochen,
20  Und nie habt ihr sie unterbrochen.«
»Ja, Die ist mir Gebieterin!
In Anschau schuf ihr Rath Gewinn
Mir an Zucht und sittgem Muthe;
Ihre Hülse kommt mir noch zu Gute:
25  Sie bildete mich erst zum Mann,
Denn sie floh, was Fraun entstellen kann.
Wir waren Kinder beide noch,
Und sahn wir uns, es freut' uns doch.
Anflise hat, die Königin,
An allem Frauenpreis Gewinn.
95  Was ihr steuern mocht ihr Land,
Gab sie mir mit milder Hand
(Ich war da noch ein armer Mann):
Das nahm ich Alles willig an.
5  Zählt mich jetzt noch zu den Armen.
Ihr solltet, Frau, euch mein erbarmen;
Mir ist mein werther Bruder todt:
Erlaßt mir gnädig andre Noth.
Kehrt Minne hin, wo Freude wohnt;
10  Mein Herz hat Jammer nicht verschont.«
»Soll ich noch länger mich verzehren?
Sagt, womit wollt ihr euch wehren?«
»Vernehmt Bescheid der Frage:
Ein Turnier sollt an dem Tage
15  Hier sein: es hatt nicht Statt gefunden;
Das können Zeugen viel bekunden.«
»Ein Vesperspiel hat das erlähmt;
Die Kühnsten sind schon jetzt gezähmt:
Davon verdarb das Turnier.«
20  »Eure Stadt nur wehrt' ich hier
Mit Andern, Siegern in der Fehde.
Erlaßt mir weitre Gegenrede;
Hier thaten Viele mehr als ich.
Ihr seht, ihr habt kein Recht an mich;
25  Nur euer Gruß geziemt mir wohl,
Wenn ich den noch haben soll.«
Wie mir die Aventüre sagt,
Da nahm der Ritter und die Magd
Schiedsrichter über ihre Klage;
Es nahte schon dem mitten Tage.
96  Man sprach dieß Urtheil zuhand:
»Wer hier den Helm sich überband,
Wenn zum Turnier er war gekommen,
Hat er den höchsten Preis genommen,
5  Dem vermähle sich die Königin.«
Die Folge ward dem Spruch verliehn. [Fußnote]
Da sprach sie: »Herr, nun seid ihr mein.
Ich will euch Huld und Dienst verleihn,
Geb euch an Freuden solchen Theil,
10  Daß ihr vom Jammer werdet heil.«
Er hatte doch von Jammer Pein.
Nun war schon des Aprilen Schein
Zergangen, und das ganze Feld
Von kurzem grünen Gras geschwellt.
15  Man sah es überall ergrünen.
Das mag ein blödes Herz erkühnen
Und verleihen Hochgemüthe.
Man sah die Bäum in Blüte
Von der süßen Luft des Maien.
20  Vom Geschlecht war er der Feien:
Das muß minnen oder Minne gehren;
Seine Freundin wollt ihm die gewähren.
Frau Herzeleiden blickt' er an,
Mit Zucht sein süßer Mund begann:
25  »Frau, soll ich bei euch gedeihn,
So müßt ihr nicht mein Hüter sein.
Läßt ab von mir des Jammers Kraft,
So thät ich gerne Ritterschaft.
Laßt ihr nicht turnieren mich,
So kann ich noch den alten Schlich,
97  Womit ich meinem Weib entrann,
Die ich auch mit Ritterschaft gewann:
Weil sie Streitens mich entband,
Ließ ich ihr Volk und ließ ihr Land.«
5  Sie sprach: »Herr, nehmt euch selbst ein Ziel;
Ich laß euch eures Willens viel.«
»Viel Spere brech ich noch entzwei.
Alle Monat ein Turnei:
Wenn ich die besuchen will,
10  Darüber, Herrin, schweiget still.«
Sie versprachs, ward mir gesagt:
Er empfing die Länder und die Magd.
Anflisens kleine Junker drei
Stunden wohl so nah dabei,
15  Und der Königin Kaplan,
Da Folg und Urtheil ward gethan,
Daß er wohl Alles hört' und sah,
Zu dem König sprach er heimlich da:
»Meiner Herrin wurde kund,
20  Ihr hättet vor Patelamunt
Den höchsten Preis erhalten,
Dürftet zweier Kronen walten.
Sie hat auch Land und solchen Muth,
Daß sie euch Leben giebt und Gut.«
25  
»Seit sie mir gab die Ritterschaft,
Must ich nach des Ordens Kraft,
Und wie des Schildes Amt mir sagt,
Dabei mich halten unverzagt.
Durch sie hab ich den Schild gewonnen;
Ich hätt es sonst wohl nie begonnen.
98  Es sei mein Schade, sei mein Glück,
Mich hält hier Ritters Spruch zurück.
Nun sagt ihr meinen Gruß daheim,
Ich woll ihr Ritter dennoch sein.
5  Wären alle Kronen mir bereit,
Nach ihr hab ich mein höchstes Leid.«
Da bot er ihnen große Gabe;
Doch sie verschmähten seine Habe.
Die Botschaft fuhr zu Lande
10  Ohn ihrer Frauen Schande.
Um Urlaub hielten sie nicht an,
Wie es im Zorn wohl wird gethan.
Den Fürsten sah man, diesen Kinden,
Die Augen schier vor Leid erblinden.
15  
Die im Feld den Schild verkehrt getragen,
Hörten ihre Freunde sagen:
»Frau Herzeleid die Königin
Ist des Anscheweins Gewinn.«
»Wer war von Anschau hier am Ort?
20  Mein Herr ist leider längst schon fort
Um Rittersehre zu den Heiden:
Das ist hier unser gröstes Leiden.«
»Der hier den Preis erwarb im Feld,
Der so manchen Ritter hat gefällt,
25  Derselbe, der so stach und schlug,
Und der den theuern Anker trug
Auf dem Helme lichtgesteinet,
Der ist es, den man meinet.
Mir sagt der König Kailet,
Der Anschewein war Gachmuret.
99  Dem ist hier wohl gelungen.«
Zu den Rossen ward gesprungen.
Ihr Kleid ward von den Augen naß,
Als sie hinkamen wo er saß.
5  Sie empfingen ihn, er empfing auch sie:
Freud und Jammer sah man hie.
Da küsst' er die Getreuen all:
»Ihr sollt euch meines Bruders Fall
Nicht allzusehr zu Herzen ziehn:
10  Ich hoffe, ich ersetz euch ihn.
Kehrt auf den Schild nach alter Art,
Nach der Freude Brauch gebahrt.
Meines Vaters Wappen will ich tragen:
Mein Anker hat sein Land beschlagen.
15  Der Anker sei ein freies Ziel:
Den nehm und trage, wer da will.
Ich muß nun wie ein Lebemann
Gebahren, da ich Gut gewann.
Ich soll des Volkes Herscher sein:
20  Dem schüfe leicht mein Jammer Pein.
Frau Herzeleide, helfet mir,
Daß wir bitten, ich und ihr,
Könge und Fürsten insgemein,
Daß sie mir zu Willen sei'n
25  Und bleiben, bis Ihr mir gewährt
Was Lieb vom süßen Lieb begehrt.«
Die Bitte bat da beider Mund:
Da versprachens jene gleich zur Stund.
Ein Jeder fuhr zu seiner Ruh.
Die Köngin raunt dem Freunde zu:
100  »Verlaßt euch nur auf meine Pflege.« [Fußnote]
Da wies sie ihn geheime Wege.
Der Gäste ward doch wahr genommen,
Wohin der Wirth auch sei gekommen.
5  Beider Ingesinde ward gemein;
Den König sah man ganz allein,
Nur mit zweien Jungherrn, ziehn.
Jungfrauen und die Königin
Ihn führten, wo er Freude fand,
10  Und all sein Kummer gar verschwand.
Seine Trauer lag darnieder,
Hochgemüthe kam ihm wieder:
Das hat die Liebe stäts verliehn.
Frau Herzeleid die Königin
15  Ihres Magdtums ohne ward.
Die Munde blieben ungespart,
Mit Küssen wurden die verzehrt,
Und dem Leid mit hoher Lust gewehrt.
Ein höfsche Zucht ward da begangen:
20  Er gab sie frei, die er gefangen.
Hardeißen und Kailet,
Seht, die versöhnte Gachmuret.
Da erging eine solche Hochzeit,
Wer Gleiches schuf nach seiner Zeit,
25  Wohl hatt er Reichtum und Gewalt.
Gachmuret entschloß sich bald,
Seiner Habe ward nicht viel gespart.
Arabisch Gold gespendet ward
Dürftgen Rittern insgemein;
Den Köngen manchen Edelstein
101  Schenkte Gachmuretens Hand
Und allen Fürsten, die er fand.
Da ward das fahrende Volk ihm hold,
Sie empfingen reicher Gaben Sold.
5  
Nun laßt die Gäste reiten heim
Mit Urlaub von dem Anschewein.
Den Panther, den sein Vater trug,
Auf den Schild man ihn von Zobel schlug.
Von weißer Seide lind und fein
10  Der Königin ein Hemdelein, [Fußnote]
Das ihr berührt den bloßen Leib,
Die nun geworden war sein Weib,
Das deckte seinen Halsberg da.
Ihrer achtzehn man durchstochen sah
15  Und mit Schwertern ganz zerhauen,
Eh er schied von der Frauen.
Sie legt' es auf die bloße Haut,
Wenn aus dem Streite kam ihr Traut,
Wo er zerbrochen manchen Schild.
20  Ihre Minne war der Treue Bild.
Er hatte Würdigkeit genug,
Als ihn seine Mannheit trug
Zum andern Mal über Meer.
Mich jammert diese Reise sehr.
25  Ihm kam gewisse Botschaft,
Der Baruch wär mit Heereskraft
Ueberfallen vor Babylon.
Der Eine war Ipomidon,
Pompejus der andre hieß;
Die Aventüre meldet dieß.
102  Das war ein stolzer, werther Mann
(Nicht jener, der von Rom entrann
Julius Cäsarn hiebevor);
Der König Nachbuchdonosor,
5  Seiner Mutter Bruder war,
Der in verlognen Büchern gar
Las, er wäre selber Gott:
Das wäre nun der Leute Spott.
Sie schonten weder Leib noch Gut.
10  Edel war der Brüder Blut:
Von Ninus, der der Herschaft pflag,
Eh gestiftet wurde Baldag;
Er stiftete auch Ninive.
Ihnen that ein Schimpf, ein Schade weh:
15  Der Baruch sprach sie an für eigen;
Drum muste sinken Glück und steigen
Im Krieg zu beiden Seiten:
Man sah die Helden streiten.
Nun schuft' er wieder über Meer
20  Und mehrte seines Herren Wehr.
Mit Freuden er empfangen ward,
Wie mich auch jammert seiner Fahrt.
Was da geschah, wie's da ergeh,
Wie es um Gewinn, Verlust da steh:
25  Das weiß Frau Herzeleide nicht.
Sie war als wie die Sonne licht
Und hatte minniglichen Leib.
Jugend und Gut besaß das Weib
Und Freuden mehr noch als zuviel:
Sie überflog der Wünsche Ziel.
103  Ihr Herz sann nur auf gute Kunst:
Das erwarb ihr aller Leute Gunst.
Frau Herzeleid die Königin
Erwarb durch Sitte Lobs Gewinn;
5  Ihre Reinheit ward mit Preis erkannt.
Drei Lande dienten ihrer Hand:
Waleis und Anschau,
Die beherschte sie als mächtge Frau:
Auch trug sie Krone zu Norgals
10  In der Hauptstadt Kingrivals.
Ihr war auch wohl so lieb ihr Mann,
Wenn nimmer eine Frau gewann
So werthen Freund, was that ihr das?
Dawider trug sie keinen Haß.
15  
Als er außen blieb ein halbes Jahr,
Seines Kommens harrte sie: es war
Ihr Wunsch, der Leben bringe. [Fußnote]
Doch ihrer Freuden Klinge
Brach mitten in dem Heft entzwei.
20  Weh o weh und heia hei!
Daß Güte solchen Kummer trägt
Und immer Treue Jammer regt!
Seht das Looß der Menschheit!
Heute Freude, morgen Leid.
25  
Die Frau um einen mitten Tag
In ängstlichem Schlafe lag.
Plötzlich schreckte sie empor,
Als ob ein Blitz, so kams ihr vor,
In die Lüfte sie entführte,
Wo sie mit Schlägen rührte
104  Mancher feurge Donnerstral.
Ringsher flogen sie zumal
Nach ihr: mit Knistern sengte Glut
Ihres langen Haares Flut.
5  Der Donner mit Gekrach erscholl,
Sein Guß von heißen Zähren schwoll.
Als sie Besinnung wieder fand,
Griff ihr ein Greif die rechte Hand.
Das Bild mit Eins verwandelt sich,
10  Da sah sie Dinge wunderlich:
Wie sie mit einem Wurme kreiße,
Der ihr den Mutterschooß zerreiße,
Ihr ein Drach die Brüste söge,
Und dann plötzlich von ihr flöge,
15  Daß sie ihn nimmer wiedersah.
Das Herz im Leibe brach ihr da
Der Schrecken, den sie muste sehn.
Wohl nie ist einer Frau geschehn
Im Schlaf ein Unheil diesem gleich.
20  Bis dahin war sie freudenreich;
Ach leider, das verkehrt sich gar,
Sie hat nun Jammer immerdar.
Ihr Schade wird noch lang und breit,
Ihr droht ein nahend Herzeleid.
25  
Die edle Frau begonnte,
Was sie bisher nicht konnte,
Im Schlaf die Glieder zu rühren,
Ein laut Geschrei zu verführen.
Vier Jungfrauen saßen hie,
Die sprangen hin und weckten sie.
105  
Da kam geritten Tampaneis,
Ihres Mannes Meisterknappe weis,
Und kleiner Jungherren viel.
Ihre Botschaft gab der Freud ein Ziel:
5  Sie klagten ihres Herren Tod.
Da kam Frau Herzeleid in Noth,
Sie sank besinnungslos dahin.
Die Ritter sprachen: »Den Gewinn
Nahm unser Herr im Harnischkleid?
10  Er ritt doch wohlverwahrt zum Streit.«
Wie den Knappen Jammer plagte,
Die Helden sah er an und sagte:
»Kein langes Leben Gott ihm gab.
Er zog das Härsenier sich ab;
15  Die Hitze zwang ihn zu der Frist.
Verfluchte heidnische List
Hat uns geraubt den Ritter gut.
Ein Ritter hatte Bocksblut [Fußnote]
Genommen in ein langes Glas;
20  Das schlug er auf den Adamas:
Da ward er weicher denn ein Schwamm.
Den man oft gebildet als ein Lamm
Und ihm ein Kreuz zu tragen gab,
Den erbarme was sich da begab.
25  
»Als die Scharen auf einander ritten,
Avoi! wie wurde da gestritten!
Des Baruches Ritterschaft
Wehrte sich mit Muth und Kraft.
Vor Baldag auf dem Gefilde
Durchstochen wurden viel der Schilde,
106  Da sie sich treffen mochten.
Wie die Haufen sich verflochten,
Panier sich wirrte mit Panier!
Da fielen viel der Helden zier.
5  Hier wirkte meines Herren Hand,
Daß aller Andern Preis verschwand.
Da fuhr heran Ipomidon:
Mit Tod er meinem Herren Lohn
Gab; er stach ihn nieder da,
10  Daß es manch Tausend Ritter sah.
»Vor Alexandrien der Stadt
Hatt er ohne falschen Rath
Sich dem König zugekehrt,
Des Tjost ihn Sterben hat gelehrt.
15  Der Speer durchschnitt ihm Helm und Stirn,
Das Eisen fuhr durch Haupt und Hirn,
Daß man den Splitter drinne fand.
Noch saß zu Ross der Weigand;
Sterbend ritt er aus dem Streit
20  Auf einen Plan, der war breit.
Ueber ihn da kam sein Kapellan.
Er hob mit kurzen Worten an
Zu beichten und sandte her
Dieß Hemde und denselben Sper,
25  Der ihn von uns geschieden hat.
Er starb ohn alle Missethat.
Euch, Frau Königin, befahl
Er Kind' und Knappen allzumal.
»Zu Baldag ward der Held besargt.
Da hat der Baruch nicht gekargt:
107  Mit Golde ward das Grab geschmückt,
Des Reichtums Siegel drauf gedrückt;
Auch glühn viel edle Steine,
Wo bestattet ist der Reine.
5  Gebalsamt ward sein junger Leib.
Jammer faßte Mann und Weib.
Es deckt ein köstlicher Rubin
Sein Grab: durchscheinend sieht man ihn.
Nach Christensitte ließ man auch
10  Ein Kreuz ihm, nach der Marter Brauch,
Durch die uns Christi Tod erlöste,
Daß es seine Seele tröste
Und schirme, bilden auf sein Grab.
Der Baruch gern die Kosten gab.
15  Es ist von köstlichem Smaragd.
Ohne der Heiden Rath ward dieß vollbracht,
Die nicht das Kreuz zu ehren pflegen,
Daran Christ uns sterbend ließ den Segen.
Ihn selber beten sonder Spott
20  Die Heiden an als ihren Gott,
Zwar nicht dem Kreuz zur Ehre,
Noch nach der Taufe Lehre,
Die uns einst am jüngsten Tag
Von Höllenstricken lösen mag.
25  Die ritterliche Treue sein
Giebt ihm im Himmel lichten Schein
Und seine reuge Beichte,
Den Falschheit nie erreichte.
»In seinen Helm, den Diamant,
Ein Epitaph geschrieben stand,
108  Das man ins Kreuz versenken ließ.
Die Buchstaben melden dieß:
»Eine Tjost durch diesen Helm erschlug
Den Werthen, der Mannheit trug.
5  Gachmuret war er genannt;
Drei Reiche dienten seiner Hand.
Sein Haupt trug dreier Kronen Zier,
Und reiche Fürsten folgten ihr.
Er war von Anschau geboren
10  Und hat vor Baldag verloren
Das Leben für den Baruch.
Seine Tugend nahm so hohen Flug,
Kein Anderer erreicht das Ziel,
Man prüfe Ritter noch so viel.
15  Von der Mutter ist noch ungeboren,
Dem er als Dienstmann Treu geschworen,
Uebt' er anders Schildesamt.
Doch lieh er Hülf und Rath gesamt
Mit Stätigkeit den Freunden sein.
20  Von Fraun erlitt er scharfe Pein.
Er war getauft nach Christenbrauch;
Der Sarazene klagt ihn auch:
Das ist ohne Lüge wahr.
Seit er bei vollen Sinnen war,
25  Hat seine Kraft nach Preis geworben,
Bis er mit Ritterpreis gestorben.
Der Falschheit hat er obgesiegt.
So wünscht ihm Heil denn, der hier liegt.«
Also sprach der Knappe da;
Der Waleisen viel man weinen sah.
109  
Die hatten Grund zu klagen.
Schon hatt ein Kind getragen
Die Frau, das ihr im Leibe stieß,
Die man hier hülflos liegen ließ.
5  Schon lebt' es achtzehn Wochen lang,
Des Mutter mit dem Tode rang,
Frau Herzeleid die Königin.
Die Andern hatten Thorensinn,
Daß man nicht half dem Weibe:
10  Denn sie trug in ihrem Leibe
Der aller Ritter Blume wird,
Wenn ihn der Tod daran nicht irrt.
Da kam ein altgreiser Mann
Klagend zu der Frau heran,
15  Die da mit dem Tode rang:
Ihre Zähn er von einander zwang,
Man goß ihr Waßer in den Mund:
Alsbald ward ihr Besinnung kund.
»O weh, wo ist mein Herzenstraut?«
20  Sie beklagt' ihn überlaut.
»Vor Freude ward das Herz mir weit
Ueber Gachmuretens Würdigkeit.
Sein Hochsinn ließ ihn mir nicht mehr.
Ich war viel jünger als er
25  Und bin ihm Mutter doch und Weib:
Trag ich hier nicht seinen Leib
Und von seinem Fleisch den Samen?
Wir gaben ihn und nahmen
Durch unser beider Minne.
Hat nun Treue Gott im Sinne,
110  Laß er ihn mir zu Reife kommen.
Zuviel Schaden hab ich schon genommen
An meinem stolzen werthen Mann.
Wie hat der Tod an mir gethan!
5  Ward je ihm eines Weibes Minne,
Ihre Freuden freuten seine Sinne,
Ihr Leid sein Herz betrübte,
Weil er immer Treue übte,
Denn alles Falsches war er leer.«
10  Nun vernehmet andre Mär,
Was die edle Frau beging:
Kind und Mutterschooß umfing
Sie mit Armen und mit Händen.
Sie sprach: »Gott soll mir senden
15  Die werthe Frucht von Gachmuret:
Das erfleht mein herzliches Gebet.
Gott wahre mich vor dummer Noth:
Das wär Gachmuretens andrer Tod,
Wenn ich mich selber schlüge,
20  Dieweil ich bei mir trüge,
Was ich von seiner Minn empfing,
Der immer Treu an mir beging.«
Unbekümmert, wer es sah,
Das Hemd vom Busen riß sie da,
25  Ihr Brüstlein lind und weiß
Pflegte sie mit Mutterfleiß
Und hob sie an den rothen Mund:
Weiblich Gehaben thät sie kund.
Also sprach die weise:
»Du wirst meines Kindes Speise:
111  Die hat es sich voraus gesandt,
Seit ichs im Leibe lebend fand!«
Es schuf der Frau kein Ungemach,
Daß ihr überm Herzen lag
5  Die Milch in ihrem Tüttelein:
Die drückte draus die Köngin rein.
Sie sprach: »Du kommst von Treue her.
Wär ich noch ungetauft bisher,
Mit dir ich gern mich taufen ließe;
10  Ich weiß, daß ich mich oft begieße
Mit dir und mit den Augen mein
Oeffentlich und insgeheim:
Denn Gachmureten will ich klagen.«
Sie ließ ein Hemd zur Stelle tragen,
15  Das von Blut geröthet war,
Darinnen vor des Baruchs Schar
Das Leben Gachmuret verlor,
Der ein herlich Ende kor
Mit rechter mannhafter Wehr.
20  Da fragte sie auch nach dem Sper,
Der Gachmureten schuf das Weh:
Ipomidon von Ninive
Gab also wehrlichen Lohn,
Der stolze Held von Babylon;
25  In Fetzen hing das Hemd von Schlägen.
Die Herrin wollt es an sich legen,
Wie sie sonst auch wohl gethan,
Wenn vom Turnieren kam ihr Mann:
Sie nahmen ihr es aus der Hand.
Die Fürstin allzumal im Land
112  Begruben Speer und auch das Blut
Im Münster, wie man Todten thut.
Da ward in Gachmuretens Land
Abwärts Jammer bekannt.
5  
Darauf am vierzehnten Tag
Ein Kindlein bei der Frauen lag,
Ein Sohn, der hatte solche Glieder,
Kaum erholte sie sich wieder.
Hier beginnt der Aventüre Spiel:
10  Wir stehn an ihres Anfangs Ziel;
Nun ist er erst geboren,
Dem die Märe ward erkoren.
Seines Vaters Freud und Noth,
Sein Leben und zumal sein Tod,
15  Davon vernahmet ihr bisher.
So habt ihr Kunde denn, woher
Dieser Märe Held entsprang,
Und wie man ihn bewahrte lang:
Man barg ihn vor Ritterschaft,
20  Bis er erwuchs zu Sinn und Kraft.
Als die Köngin zu sich kam
Und ihr Kindlein wieder nahm,
Mit den dienenden Frauen
Begann sie nachzuschauen,
25  Was es zwischen den Beinen trug.
Geliebkost ward ihm genug,
Als er männlich war von Glieden.
Mit Schwertern lernt' er schmieden:
Den Helmen Feuers viel entschlug,
Des Herze Kraft und Mannheit trug.
113  Die Königin kannte kein Gelüste,
Als daß sie ihn fleißig küsste.
Sie sprach viel tausendmal gewiss:
»Bon Fils, scher Fils, beau Fils.«
5  
Die Köngin ohne lange Wahl
Nahm das rothbraune Mal,
Ihres Brüstleins Zutscherchen
Und schob es in sein Lutscherchen.
Selber wollt ihm Amme sein,
10  Die ihn trug im keuschen Schrein:
Sie erzog ihn an der Brust,
Der aller Falsch war unbewust.
Sie daucht', als war ihr Gachmuret
In ihren Arm zurück erfleht.
15  Sie legte sich auf keinen Trug;
Demuth hatte sie genug.
Frau Herzeleide sprach mit Sinn:
»Die allerhöchste Königin
Jesu ihre Brüste bot,
20  Der für uns den scharfen Tod
Am Kreuze menschlich empfing
Und seine Treu an uns beging.
Der eignen Seele Schaden bringt,
Wer ihn nun zum Zorne zwingt,
25  Wie verständig sonst er wäre:
Des weiß ich sichre Märe.«
Sich begoß des Landes Frau
Mit ihres Herzens Jammerthau.
Ihre Augen regneten auf das Kind;
Getreuer war kein Weib gesinnt.
114  Seufzen, Lachen konnt' ihr Mund
Beides wohl in Einer Stund.
Des Sohns Geburt erfreut' ihr Herz;
In der Klage Furt ertrank ihr Scherz.
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Wolfram von Eschenbach: Parzival und Titurel - Kapitel 6 












III.
Gurnemans.

Das Vorwort, nicht das Vorwort des ganzen Gedichts, denn die zwei ersten Bücher scheinen später hinzugedichtet (s. Anm. zu 744, 19), enthält einen beschönigenden Widerruf dessen, was der Dichter in der Erbitterung wider Eine von den Frauen überhaupt zu Anfange dieses Abschnittes gesagt hatte: es lebe nun kein Weib mehr, die wie Herzeleide die weltlichen Freuden um der himmlischen willen hingeben würde. Herzeleide hat sich, ihren Kronen entsagend, mit wenigen Leuten in die Wüste von Soltane zurückgezogen, wo sie ihren Knaben in bäurischer Einfalt erzieht und ihn sorgfältig vor aller Kunde des Rittertums zu bewahren sucht. Doch schnitzt er sich Bogen und Bolzen und schießt nach den Vögeln, deren Tod er gleichwohl beweint, weil ihr Gesang ihm die Brust schwellt. Da will die Mutter alle Vögel fangen und tödten laßen; er aber bittet für sie, und sie gedenkt, daß es auch Gottes Geschöpfe sind. Er fragt sie nach Gott, und sie beschreibt ihn lichter als der Tag, und er sollte ihn anflehen, dagegen den schwarzen Höllenwirth so wie den Zweifel meiden. Er übt sich auch mit dem Wurfspieß und erlegt viel Wild. Einst begegnen ihm auf seiner Jagd vier Ritter in glänzenden Rüstungen, welche den Jungfernräuber Meljakanz (vgl. 343, 25 ff.) verfolgen. Er hält sie für Engel; sie bescheiden ihn aber, daß sie nur Ritter seien, und weisen ihn, da er auch Ritter zu werden verlangt, zu König Artus. Seinem Verlangen dahin kann die Mutter nicht widerstehen; sie giebt ihm aber Thorenkleider und Lehren auf den Weg, die er allzuwörtlich befolgt. Sein Abschied bringt ihr den Tod. Im Walde Briziljan kommt er zu Orilus prächtigem Gezelte, dessen Gemahlin Jeschute er, nach der Mutter Rath, Fingerring und Fürspann (Halsschmuck) raubt. Er findet Sigunen mit dem eben von Orilus (von dem auch Galoes gefallen ist) erschlagenen Schionatulander. Sie sagt ihm seinen Namen und weist ihn gen Bretagne. Ein Fischer, dem er den Fürspann schenkt, geleitet ihn bis in die Nähe von Nantes, der Hauptstadt des Artus. Hier begegnet ihm Ither, der rothe Ritter, der auf Artus Krone Anspruch erhebt und mit seinen Rittern zu kämpfen draußen hält. Mit dessen Aufträgen kommt er an den Hof, wo sein Aufzug wie seine Schönheit Alles in Verwunderung setzt. Kunneware, des Orilus Schwester, die nicht eher lachen wollte, bis sie den Ritter des höchsten Preises ersähe, lacht, und Antanor, der nicht eher reden wollte, bis sie lachte, bricht sein Schweigen. Beide werden von Keien gezüchtigt, welche Misshandlung Parzival zu rächen gedenkt. Mit dem Wurfspieß erschlägt er Itheren und bemächtigt sich seiner Rüstung, die ihm Artus auf seine Bitte geschenkt hatte. So kommt er zu Gurnemans, dem Hauptmann der wahren Zucht (feinen höfischen Sitte), wo er seine kindische Einfalt ablegt. Gurnemans wünscht ihm seine Tochter zu vermählen und entläßt ihn so ungern, als verlöre er in ihm den vierten seiner Söhne.

       5  Wer nun von Frauen beßer spricht,
Fürwahr, ich haß ihn darum nicht;
Ich vernehme gern, was sie erfreut.
Nur Einer bin ich unbereit
Hinfort zu dienstlicher Treu,
10  Ihr ist mein Zorn immer neu;
Ihr Fehltritt schafft mir Ungemach.
Ich bin Wolfram von Eschenbach,
Nicht unerfahren im Gesange,
Und halte fest wie eine Zange
15  Meinen Zorn wider ein Weib,
Denn sie hat mir Seel und Leib
Betrübt durch solche Missethat,
Sie zu haßen, anders ist kein Rath.
Trifft mich darum der Andern Haß,
20  O weh, warum denn thun sie das?
Sei mir auch ihr Haßen leid,
Es beweist doch ihre Weiblichkeit,
Da sich mein Mund versprochen hat
Und mir selber Schaden that;
25  Es geschieht auch wohl so leicht nicht mehr.
Doch mögen sie sich nicht zu sehr
Beeilen, mir das Haus zu stürmen:
Ich weiß mich wehrlich zu schirmen.
Auch hab ichs nicht vergeßen,
Ich kann noch wohl ermeßen,
115  Wie ihre Zucht und Sitte sei:
Wohnt einem Weibe Reinheit bei,
Deren Kämpe will ich sein,
Mich jammert herzlich ihre Pein.
5  
An der Krücke hinkt sein Ruhm,
Der das ganze Frauentum
Schmäht um seiner Frauen Schmach.
Die mich recht beachten mag,
Zugleich mit Schaun und Hören,
10  Die werd ich nicht bethören.
Zum Schildesamt bin ich geboren:
Sind Kraft und Muth an mir verloren
Die mich um Sang will minnen,
Dünkt mich nicht kluger Sinnen.
15  Trag ich edler Frau Begehr,
Mag ich nicht mit Schild und Sper
Erwerben ihrer Minne Sold,
So sei sie mir mit Nichten hold.
Es ist doch hoch genug gespielt,
20  Wer mit Ritterschaft nach Minne zielt.
Schiens Schmeicheln nicht den Frauen,
Ich ließ euch ferner schauen
An dieser Märe Neues viel
Bis an der Aventüre Ziel.
25  Wer deren Kunde will empfahn,
Der rechn es für kein Buch mir an:
Ich kenne keinen Buchstaben.
An Büchern mag, wer will sich laben:
Diesen Abenteuern
Sollen Bücher nicht steuern.
116  Eh man sie hielte für ein Buch,
Lieber wär ich ohne Tuch [Fußnote]
Nackt, wenn ich im Bade säße,
Des Büschels freilich nicht vergäße.
———
5  Es betrübt mir Seel und Leib, [Fußnote]
Daß so Manche heißet Weib.
Die Stimme lautet Allen hell,
Doch Viele sind zum Falle schnell,
Andre frei von falschem Wandel:
10  So theilt sich dieser Handel.
Daß die mit gleichem Namen prangen,
Das hat mein Herz mit Scham befangen.
Weibheit, dein ordentlicher Brauch,
Treue hielt und hält der auch.
15  
Viele sprechen, Armut
Sei zu keinem Dinge gut;
Wer sie um Treu will leiden,
Mag doch die Hölle meiden.
Die trug ein Weib um Treue.
20  Da ward ihr stäts aufs Neue
Im Himmelreich gegeben.
Nun werden Wenge leben,
Die jung der Erde Reichtum
Ließen um des Himmels Ruhm.
25  Ich kenne keinen, der das will,
Mann und Weib sind mir gleichviel,
Sie gleichen Alle sich darin.
Frau Herzeleid die Königin
Floh ihren dreien Landen fern:
Sie trug der Freuden Mangel gern.
117  Aller Fehl so ganz an ihr verschwand,
Daß ihn nicht Ohr noch Auge fand.
Ein Nebel war ihr die Sonne;
Sie mied die weltliche Wonne.
5  Auch war die Nacht ihr wie der Tag,
Ihr Herz nur stäten Jammers pflag.
Sie zog sich vor des Grams Gewalt
Aus ihrem Land in einen Wald
In der Wildniss von Soltane:
10  Nicht um Blumen auf dem Plane:
Ihr Herz erfüllte Leid so ganz,
Sie kehrte sich an keinen Kranz,
Ob er roth war oder fahl.
Sie flüchtete dahin zumal
15  Des werthen Gachmuretes Kind.
Leute, die da bei ihr sind,
Müßen reuten und pflügen.
Ihre Pflege konnte wohl genügen
Dem Sohn. Eh der Verstand gewann,
20  Rief sie ihr Volk zu sich heran,
Wo sie Mann und Weib zumal
Bei Leib und Leben anbefahl,
Daß von Rittern schwieg' ihr Mund:
»Denn würd es meinem Herzlieb kund,
25  Was ritterliches Leben wär,
So hätt ich Kummer und Beschwer.
Nun legt die Zunge klug in Haft
Und hehlt ihm alle Ritterschaft.«
Das schuf den Leuten Sorgen.
Der Knabe ward verborgen
118  In der Wüste von Soltan erzogen,
Um königlichen Brauch betrogen
Außer in dem Einen Spiel:
Bogen und Bolzen viel
5  Schnitt er sich mit eigner Hand
Und schoß die Vögel, die er fand.
Wenn er jedoch das Vöglein schoß,
Dem erst Gesang so hold entfloß,
So weint' er laut und strafte gar
10  Mit Raufen sein unschuldig Haar.
Sein Leib war klar und helle:
Aus dem Plan an der Quelle
Wusch er sich alle Morgen.
Ihm schuf nichts anders Sorgen
15  Als über ihm der Vöglein Sang,
Der ihm das Herz so süß durchdrang:
Das dehnt' ihm seine Brüstlein aus.
Mit Weinen lief er in das Haus.
Die Köngin sprach: Wer that dirs an?
20  Du warst ja draußen auf dem Plan.«
Da wust er ihr kein Wort zu sagen.
So gehts Kindern noch in unsern Tagen.
Das macht' ihr viel zu schaffen.
Da sah sie einst ihn gaffen
25  Nach einem Baum, von dem es scholl.
Sie ward wohl inne, wie ihm schwoll
Von dem Gesang die junge Brust;
In seiner Art lag solch Gelust.
Frau Herzleid trug den Vögeln Haß
Seitdem, sie wuste nicht um was:
119  Sie sandte Knecht und Enken
Ihr Singen zu beschränken,
Vöglein mit Netz und Stangen
Zu würgen und zu fangen.
5  Die Vöglein waren gut beritten,
Daß sie den Tod nicht all' erlitten:
Etliche blieben wohl am Leben,
Die hört man neuen Sang erheben.
Der Knabe sprach: »Bei eurer Huld,
10  Was giebt man doch den Vöglein Schuld?«
Er erbat ihnen Frieden gleich zur Stund.
Seine Mutter küsst' ihn auf den Mund.
Sie sprach: »Was brech ich sein Gebot,
Der doch ist der höchste Gott?
15  Sollen Vöglein trauern meinethalb?«
Der Knappe sprach zur Mutter bald:
»Höre Mutter, was ist Gott?«
»Das sag ich, Sohn, dir ohne Spott:
Er ist noch lichter denn der Tag,
20  Der einst Angesichtes pflag
Nach der Menschen Angesicht.
Sohn, vergiß der Lehre nicht
Und fleh ihn an in deiner Noth,
Dessen Treu uns immer Hülfe bot.
25  Ein Andrer heißt der Hölle Wirth,
Der schwarz Untreu nicht meiden wird:
Von dem kehr die Gedanken
Und auch von Zweifels Wanken.«
Seine Mutter unterschied ihm gar,
Was finster ist, was licht und klar.
120  Dann eilt' er wohl waldein zu springen,
Das Gabilot [Fußnote] auch lernt' er schwingen,
Womit er manchen Hirsch erschoß,
Davon der Mutter Volk genoß.
5  Ob man Grund sah oder Schnee,
Dem Wilde thät sein Schießen weh.
Hört aber fremde Märe:
Wenn er erschoß das schwere,
Einem Maulthier wär die Last genug,
10  Die er unzerlegt nach Hause trug.
Er kam auf seinem Waidegang
Eines Tages einer Hald entlang
Und brach zum Blatten manchen Zweig.
In seiner Nähe ging ein Steig:
15  Da vernahm er Schall von Hufschlägen:
Er begann sein Gabilot zu wägen.
»Was hab ich da vernommen?
Daß nun der Teufel kommen
Wollte grimm und zorniglich!
20  Ich bestünd ihn sicherlich.
Meine Mutter Schrecken von ihm sagt;
Mich dünkt, sie ist auch zu verzagt.«
So stand er da in Streits Begehr.
Seht, da traben dortenher
25  Drei Ritter in der Rüstung Glanz
Von Haupt zu Fuß gewappnet ganz.
Der Knappe wähnte sonder Spott,
Jeglicher wär ein Herregott.
Wohl stand er auch nicht länger hie,
Er warf sich in den Pfad aufs Knie;
121  Mit lauter Stimme rief er gleich:
»Hilf Gott, Du bist wohl hilfereich!«
Der Vordre zürnte drum und sprach,
Als ihm der Knapp im Wege lag:
5  »Dieser täppische Waleise
Wehrt uns schnelle Weiterreise.«
Ein Lob, das wir Baiern tragen,
Muß ich von Waleisen sagen:
Sie sind täppischer als Bairisch Heer
10  Und leisten doch gleich tapfre Wehr.
Wen dieser Länder Eins gebar,
Wird der gefüg, ists wunderbar.
Da kam einher galoppiert,
An Helm und Harnisch wohl geziert
15  Ein Ritter, welchem Zeit gebrach:
Streitgierig ritt er jenen nach,
Die ihm schon voraus gekommen.
Zwei Ritter hatten ihm genommen
Eine Frau aus seinem Lande:
20  Das dauchte diesen Schande.
Der Jungfrau Leid betrübt' ihn schwer,
Die erbärmlich ritt vor ihnen her.
Die Dreie sind ihm unterthan.
Er ritt ein schönes Kastilian;
25  An seinem Schild war wenig ganz.
Er hieß Karnachkarnanz,
Le Comte Ulterleg. [Fußnote]
Er sprach: »Wer sperrt uns hier den Weg?«
So fuhr er diesen Knappen an;
Dem schien er wie ein Gott gethan:
122  Er sah noch niemals lichtre Schau.
Sein Wappenrock benahm den Thau.
Mit goldrothen Schellen klein
Waren an jedwedem Bein
5  Ihm die Stegereif' in Klang gebracht
Und zu rechtem Maße lang gemacht.
Sein rechter Arm von Schellen klang,
Wenn er ihn rührt' oder schwang;
Er war von Schwertschlägen hell.
10  Der Degen war zur Kühnheit schnell.
Also diesen Wald durchstrich
Der Fürst gerüstet wonniglich.
Aller Mannesschöne Blumenkranz,
Den fragte da Karnachkarnanz:
15  »Knapp, saht ihr hier vorüberfahren
Zwei Ritter, die nicht können wahren
Das Gesetz der Rittergilde?
Sie tragen Raub im Schilde
Und sind an Würdigkeit verzagt:
20  Sie entführten eine Magd.«
Was er auch sprach, doch hielt ihn noch
Der Knapp für Gott: so malt' ihn doch
Die Königin Frau Herzeleid,
Die vom lichten Schein ihm gab Bescheid.
25  Da rief er laut sonder Spott:
»Nun hilf mir, hilfreicher Gott.«
Niederwarf sich zum Gebet
Le Fils dü Roi Gachmuret.
Da sprach der Fürst: »Ich bin nicht Gott;
Doch leist ich gerne sein Gebot.
123  Vier Ritter möchtest du hier sehn,
Wenn du beßer könntest spähn.«
Der Knappe fragte fürbaß:
»Du nennest Ritter: was ist das?
5  Hast du selbst nicht Gotteskraft,
So sage, wer giebt Ritterschaft?«
»Die theilt der König Artus aus.
Junker, kommt ihr in sein Haus,
So mögt ihr Ritters Namen nehmen,
10  Daß ihrs euch nimmer habt zu schämen.
Ihr seid wohl ritterlicher Art.«
Von den Helden er beschauet ward:
Da sahn sie Gottes Kunst und Fleiß.
Von der Aventür ich weiß,
15  Die mich mit Wahrheit des beschied,
Daß Mannesantlitz nie gerieth
So schön wie seins von Adams Zeit:
Drum lobten Fraun ihn weit und breit.
Da hub der Knappe wieder an,
20  Daß sein zu lachen der begann:
»Ei Ritter gut, was soll dies sein?
Du hast so manches Ringelein
An den Leib gebunden dir,
Dort oben und auch unten hier.«
25  Der Knapp befühlte mit der Hand,
Was er eisern an dem Fürsten fand.
»Laßt mich den Panzer schauen:
Meiner Mutter Jungfrauen
Wohl an Schnüren Ringlein tragen,
Die nicht so aneinander ragen.«
124  Noch sprach der Knappe wohlgemuth
Zum Fürsten: »Wozu ist dieß gut,
Was sich so wohl will schicken?
Kanns nicht herunterzwicken.«
5  
Da wies der Fürst ihm sein Schwert:
»Nun sieh, wer Streit mit mir begehrt,
Des erwehr ich mich mit Schlägen;
Gegen seine muß ichs an mich legen:
Dieß und der Schild behütet mich
10  Vor dem Schuß und vor dem Stich.«
Wieder sprach der Knappe schnell:
Trügen die Hirsche solches Fell,
Sie versehrte nicht mein Gabilot;
So fällt doch mancher vor mir todt.«
15  
Die Ritter zürnten, daß er sprach
Mit dem Knappen, welchem Sinn gebrach.
Da sprach der Fürst: »Gott hüte dein!
O wäre deine Schönheit mein!
Dir hätte Gott genug gegeben,
20  Besäßest du Verstand daneben;
Nun halte Gott dir Kummer fern.«
Da ritt er weiter mit den Herrn.
Sie gelangten alle bald
Zu einem Feld im tiefen Wald.
25  Da fand er an der Pflugschar
Frau Herzeleidens Bauernschar.
Dem Volke nie so leid geschah.
Die man künftig ernten sah,
Sie mußten sän und egen,
Starken Ochsen dräun mit Schlägen.
125  
Der Fürst ihnen guten Morgen bot
Und frug sie: »Sahet ihr nicht Noth
Eine Jungfrau leiden?«
Da konnten sie's nicht meiden,
5  Sie sagten ihm, was er gefragt:
»Zwei Ritter und eine Magd
Sahn wir reiten heute Morgen.
Das Fräulein schien in Sorgen.
Kräftig mit den Sporen rührte
10  Die Pferde, der die Jungfrau führte.«
Es war Meliakanz, [Fußnote]
Dem nachritt Karnachkarnanz
Und ihm im Kampf die Jungfrau nahm:
Sie war an aller Freude lahm.
15  Sie hieß Imäne
Von der Bellefontäne.
Die Bauern waren sehr verzagt,
Da diese Helden sie befragt.
Sie sprachen: »Wie ist uns geschehn!
20  Hat unser Junker ersehn
An diesen Rittern schartges Eisen,
So dürfen wir das Glück nicht preisen.
Uns trifft darum mit Recht fürwahr
Der Zorn der Königin immerdar,
25  Weil er mit uns zu Walde lief
Heute früh, da sie noch schlief.«
Gleich galts dem Knappen, wer nun schoß
Im Wald die Hirsche klein und groß;
Heim zur Mutter lief er wieder
Und sagt' es ihr. Da fiel sie nieder,
126  Seiner Worte sie so sehr erschrak,
Daß sie bewußtlos vor ihm lag.
Als darauf die Königin
Bewußtsein wieder fand und Sinn,
5  Wie sie zuvor auch war verzagt,
Doch sprach sie: »Sohn, wer hat gesagt
Dir von ritterlichem Orden?
Wie bist dus inne geworden?«
»Mutter, ich sah vier Männer licht,
10  Lichter ist Gott selber nicht:
Die sagten mir von Ritterschaft.
Artusens königliche Kraft
Soll nach ritterlichen Ehren
Mich Schildespflichten lehren.«
15  Das war ihr neuen Leids Beginn.
Die Königin sann her und hin,
Wie sie eine List erdächte
Und ihn von solchem Willen brächte.
Der einfältge Knappe werth
20  Bat die Mutter um ein Pferd.
Das begann sie heimlich zu beklagen.
Sie gedacht: »Ich will ihm nichts versagen;
Aber grundschlecht muß es sein.
Es giebt noch Leute,« fiel ihr ein,
25  »Die gar lose Spötter sind.
Thorenkleider soll mein Kind
An seinem lichten Leibe tragen:
Wird er gerauft und geschlagen,
So kehrt er wohl in kurzer Frist.«
O weh der jammervollen List!
127  Sie wählt' ein grobes Sacktuch aus
Und schuf ihm Hemd und Hosen draus,
Aus Einem Stück geschnitten
Zu des blanken Beines Mitten;
5  Eine Kappe dran für Haupt und Ohren:
So trugen damals sich die Thoren.
Zwei Ribbalein statt Strümpfen auch
Aus Kalbshäuten frisch und rauch
Maß man seinen Beinen an.
10  Da weinten Alle, die es sahn.
Die Königin mit Wohlbedacht
Bat ihn zu bleiben noch die Nacht:
»Du darfst dich nicht von hinnen heben,
Ich muß dir erst noch Lehren geben:
15  Du sollst auf ungebahnten Straßen
Dich nicht auf dunkle Furt verlaßen;
Ist sie aber seicht und klar,
So hat der Durchritt nicht Gefahr.
Du sollst auch Sitte pflegen,
20  Jeden grüßen auf den Wegen.
Will dich ein grauweiser Mann
Zucht lehren, wie ein Solcher kann,
So folg ihm gerne mit der That
Und zürn ihm nicht, das ist mein Rath.
25  Eins laß dir, Sohn, befohlen sein:
Wo du guter Frauen Ringelein
Erwerben mögest und ihr Grüßen,
Da nimms: es kann dir Leid versüßen.
Magst du ihren Kuss erlangen
Und herzend ihren Leib umfangen,
128  Das giebt dir Glück und hohen Muth,
Wenn sie keusch ist und gut.
»Deinen Fürsten, wiße, Sohn mein,
Hat der stolze kühne Lähelein
5  Zwei Länder abgefochten,
Die dir sonst nun zinsen mochten:
Waleis und Norgals.
Deiner Fürsten Einer, Turkentals,
Den Tod von seiner Hand empfing:
10  All dein Volk er schlug und fing.«
»Das räch ich Mutter, will es Gott,
Ihn verwundet noch mein Gabilot.«
Da Morgens schien des Tages Licht,
Der stolze Knappe säumte nicht:
15  Artus ihm im Sinne lag.
Sie küsst' ihn oft und lief ihm nach.
Der gröste Jammer da geschah,
Als sie den Sohn nicht länger sah.
Der ritt hinweg: wen mag das freun?
20  Da fiel die Fraue Falsches rein
Zur Erde, wo sie Jammer schnitt,
Bis sie den Tod davon erlitt.
Ihr getreulicher Tod
Bewahrt sie vor der Hölle Noth.
25  O wohl ihr, daß sie Mutter ward!
So fuhr die lohnergiebge Fahrt
Diese Wurzel aller Güte,
Aus der das Reis der Demuth blühte.
Weh uns, daß uns nicht verblieb
Ihre Sippe bis zum eilften Glied!
129  Drum muß man so viel Falschheit schaun.
Doch sollten die getreuen Fraun
Heil erwünschen diesem Knaben,
Den sie hier sehen von ihr traben.
5  
Da fuhr der Knappe wohlgethan
In den Wald von Briziljan.
Er kam an einen Bach geritten,
Den ein Hahn hätt überschritten.
Da stunden Blumen hell und klar;
10  Doch weil sein Fluß so dunkel war,
Fiel seiner Mutter Rath ihm bei:
Er ritt tagüber dran vorbei,
Wie es ihm denn im Haupt nicht sonnte.
Die Nacht verbracht er wie er konnte;
15  Doch als der lichte Tag erschien,
Hub er zu einer Furt sich hin,
Die lauter war und wohlgethan.
Auf jener Seite war der Plan
Mit herlichem Gezelt geschmückt;
20  Viel Reichtum ward daran erblickt.
Das Zelt war hoch und weit dabei,
Der Samt von Farben dreierlei;
Auf den Näten lagen Borten gut.
Von Leder hing dabei ein Hut,
25  Den man drüber ziehen sollte,
Immer wenn es regnen wollte.
Dük Orilus de Lalander,
Des Weib darunter fand er
Wonniglich ruhen, wie es schien,
Eine reiche Herzogin,
130  Ihres Ritters liebstes Pfand;
Jeschute war sie genannt.
Entschlafen ward die Fürstin werth.
Sie trug der Minne schärfstes Schwert:
5  Einen Mund durchleuchtig roth,
Verliebten Ritters Herzensnoth.
Während die Schöne schlief,
Der Mund ihr von einander lief:
Das schuf der Minne Glut und Feuer.
10  So lag das schönste Abenteuer.
Schneeweiß, wie von Elfenbein,
Zusammen dicht gefügt und klein,
So standen ihr die lichten Zähne.
Mich gewöhnt man nicht, ich wähne,
15  An so hochgelobten Mund;
Solch Küssen wird mir selten kund.
Von Zobel eine Decke fein
Sollt ihr verhüllen Hüft und Bein,
Die sie vor Hitze von sich stieß,
20  Wenn sie der Wirth alleine ließ.
Sie war geschmückt nach Hofes Art,
An ihr ward keine Kunst gespart:
Gott selber schuf den süßen Leib.
Es trug das minnigliche Weib
25  Langen Arm und blanke Hand.
Ein Ringlein dran der Knappe fand,
Das ihn nach dem Bette zwang,
Wo er mit der Fürstin rang.
Ihm rieth ja die Mutter sein
Zu der Frauen Ringelein.
131  Schnell sprang der Knappe wohlgethan
Von dem Teppich an das Bett heran.
Das reine Weib unsanft erschrak,
Da der Knapp ihr in den Armen lag:
5  Sie muste wohl erwachen.
Beschämt und sonder Lachen
Sprach, die man keusche Zucht gelehrt:
»Wer ist es, der mich so entehrt?
Jungherr, es ist euch allzuviel:
10  Wählt euch doch ein ander Ziel.«
Wie laut sie sich beklagte,
Er frug nicht, was sie sagte,
Ihren Mund er an den seinen zwang.
Auch bedacht er sich nicht lang,
15  Er drückt' an sich die Herzogin,
Ihr ein Ringlein abzuziehn;
Eine Spange sah er ihr am Hemd:
Die brach er nieder ungehemmt.
Die Frau war nur ein Weib zur Wehr,
20  Seine Kraft war ihr ein ganzes Heer;
Sie wandt ihn doch mit Ringen ab.
Seinen Hunger klagte jetzt der Knapp:
Da war sie frei der schweren Pflicht.
Sie sprach: »Mich eßen sollt ihr nicht.
25  Wärt ihr ein wenig weise,
Ihr nähmt euch andre Speise.
Dahinten steht Brod und Wein
Und zwei Rebhühner obenein,
Die eine Jungfrau brachte,
Nicht euch sie zugedachte.«
132  Er frug nicht, wo die Wirthin saß:
Einen guten Kropf er aß.
Darnach er schwere Trünke trank.
Die Frau bedauchte gar zu lang
5  Sein Weilen in dem Pavillon.
Sie wähnt', er wär ein Garzon,
Dem Verstand und Sinn entkam.
Der Angstschweiß brach ihr aus vor Scham.
Doch sprach zu ihm die Fürstin rein:
10  »Jungherr, ihr sollt mein Ringelein
Hier laßen und den Fürspann.
Hebt euch hinweg: denn kommt mein Mann,
So müßt ihr Zorn erleiden,
Den ihr lieber möchtet meiden.«
15  
Da sprach der Knappe wohlgeborn:
»Was fürcht ich eures Mannes Zorn?
Doch kränkts euch an den Ehren,
So will ich hinnen kehren.«
Da schritt er zu dem Bett heran:
20  Ein andrer Kuss war da gethan;
Gar leid war das der Herzogin.
So ritt er ohne Urlaub hin;
Er sprach jedoch: »Gott hüte dein,
Denn also rieth die Mutter mein.«
25  
Der Knappe war des Raubes froh;
Eine gute Weile ritt er so,
Nicht fehlt' ihm an der Meile viel:
Da kam, von dem ich sprechen will.
Bald erspürt' er an dem Thau
Den Besuch bei seiner Frau;
133  Der Schnüre hatt ein Theil gelitten:
Da war der Knapp durchs Gras geschritten.
Der werthe Herzog auserkannt
Sein Weib im Zelte traurig fand.
5  Da sprach der stolze Orilus:
»Wie hab ich, Frau, um euern Kuss
Meine Dienste schlecht verwendet;
Gelästert und geschändet
Ist all mein ritterlicher Preis:
10  Einen Buhlen habt ihr: ich weiß.«
Sie schwur, was mocht ihrs taugen?
Mit waßerreichen Augen
Daß sie unschuldig wäre:
Denn er glaubte nicht der Märe.
15  
Sie sprach jedoch mit Angst und Pein:
»Es kam ein Thor zu mir herein:
Was jemals meine Augen sahn,
Nie erblickt ich schönern jungen Mann.
Mein Ringlein und den Fürspann hier
20  Nahm er wider Willen mir.«
»Ei, wie er euch so wohl gefällt:
Gewiss, ihr habt euch ihm gesellt.«
Da sprach sie: »Das verhüte Gott!
Seine Ribbalein, sein Gabilot
25  Sind mir schon zu nah gekommen.
Wie mag die Red euch frommen?
Es missstünde Königinnen,
So niedrig zu minnen.«
Der Herzog wieder begann:
»Frau, nähmt ihr guten Rath nur an,
134  So ließt ihr Eine Sitte fahren:
Statt der Köngin Namen zu bewahren,
Hießt ihr nach mir nun Herzogin.
Mir bringt der Handel Ungewinn.
5  Meine Mannheit ist doch wohl so keck,
Daß euer Bruder Ereck, [Fußnote]
Mein Schwager, Fils dü Roi Lak, [Fußnote]
Euch wohl deswegen haßen mag.
Auch erkennt der Degen weis,
10  Wohl ist mein ritterlicher Preis
Von jedem andern Flecken rein,
Als daß er mich vor Prurein
Im Tjoste hat bezwungen.
Doch hab ich an ihm errungen
15  Hohen Preis vor Karnant.
In rechter Tjost stach meine Hand
Ihn vom Ross und heischte Fianze.
Durch den Schild hat meine Lanze [Fußnote]
Ihm euer Kleinod gebracht.
20  Eure Huld, hätt ich da nicht gedacht,
Käm' Andern je zu Gute,
Meine Herrin Jeschute.
»Ueberzeugt auch seid ihr des,
Frau, daß der stolze Galoes,
25  Fils dü Roi Gandein,
Im Tod erlag der Tjoste mein.
Ihr selber hieltet nah dabei,
Wo mir Plihopliherei
Entgegen tiostierend ritt
Und mich im Streite da bestritt.
135  Hinters Ross mein Sper ihn zückte,
Daß kein Sattel mehr ihn drückte.
So hab ich manchen Preis errungen,
Viel Ritter hinters Ross geschwungen.
5  Das kam mir nicht zu Gute hier:
Die höchste Schande wehrt' es mir.
»Sie haßen mich mit Grunde,
Die von der Tafelrunde.
Ihrer achte stach ich nieder da,
10  Wo es manche Jungfrau sah,
Bei dem Sperber dort zu Kanedig. [Fußnote]
Ich behielt euch Preis und mir den Sieg,
Wie ihr bei Artus wohl ersaht,
Der meine Schwester bei sich hat,
15  Die Süße, Kunnewaren.
Ihr Mund kann nicht gebahren
Mit Lachen, eh sie den ersehn,
Dem den höchsten Preis sie zugestehn.
Ach käm mir doch derselbe Mann!
20  So würd ein Streiten hier gethan,
Wie heute Morgen, da ich kämpfte
Und eines Fürsten Hochmuth dämpfte,
Der mir sein Tiostieren bot:
Da gab ihm meine Tjost den Tod.«
25  
»Ich will von solchem Zorn nichts sagen,
Daß mancher hat sein Weib geschlagen
Um geringere Schuld.
Sollt ich euch verliebte Huld
Im Ritterdienst noch bieten,
So gewännt ihr nur die Nieten.
136  Ich will nicht mehr erwarmen
In euern blanken Armen,
Wo ich wohl sonst in Minne lag
Manchen wonniglichen Tag.
5  Ich mach euch bleich den rothen Mund,
Euern Augen thu ich Röthe kund;
Eurer Freude will ich wehren,
Euer Herze Seufzer lehren.«
Die Fürstin sah den Fürsten an,
10  Ihr Mund da jämmerlich begann:
»Nun ehrt an mir die Ritter all.
Weis und getreu seid ihr zumal
Und wohl auch so gewaltig mein,
Ihr könnt mir schaffen hohe Pein;
15  Nur geht erst weislich zu Gericht.
Bei allen Fraun, versäumt es nicht!
Verdien ichs, trag ich gern die Noth.
Fänd ich von andrer Hand den Tod,
Daß es euch nicht Schmach erwürbe,
20  Wie gern ich dann erstürbe!
Das wär mir eine süße Zeit,
Da ihr mir doch erzürnet seid.«

























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