Freitag, 18. Januar 2013

Mensch, Erhebe Dich!

Ich finde dieses Poster sehr ausdrucksstark, hat auch viel Spielraum für mögliche Interpretationen. Nun, ich habe keine Informationen zum Künstler Werner Koch zur Hand, weiss also nicht ob man darüber referiert und debattiert hat, aber das Bild gefällt mir doch sehr... und je länger ich es anschaue, desto mehr

Basel, VII Ausstellung der Gesellschaft Schweiz Maler Bildhauer & Architekten - Kunsthalle 1917

Steinlitho von Wassermann, Basel, 71 x 100 cm

Diese Frau steig von der Erde auf. Warum? Wohin? Ist die Aura göttliche Energie oder bloss der Sonnenglast von 15:15 Uhr? Das zum Firmament erhobene Gesicht und der ausgestreckte Arm erinnert natürlich auch an die Skulpturen von Bouraine, Le Verrier und Guiraud-Rivière. Jedenfalls ist dieses Motiv sehr interessant weil schon 1917 gezeichnet, ein immer wiederkehrendes Motiv der nächsten 20 Jahre. Der die Erde hinter sich liegen lassende Mensch ist ja eines der zentralen Themen des Art Déco, zuerst war es die Faszination der Geschwindigkeit, man erinnert sich an die Affichen mit dynamisch gezeichneten Zügen, danach die Flugzeuge.

Ja und dahinein wiederum (ich liebe es) eine kleine Referenz an all die Russischen postrevolutionären Utopien, die zur selben Zeit begannen, die Gehirne zu elektrisieren... eine neue Menschheit: Biopolitische Utopien ausgedacht u.a. von Nicolaj Fedorov, dessen "Projekt der gemeinsamen Tat" - bereits Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben - mittels moderner Technik alle Toten künstlich auferstehen lassen wollte. Da haben wir sie, die ersten Cyborgs, Androiden oder Biomechanoids... Es leben all die Künstler hoch, die sich daran inspiriert haben... Fedorov glaubte weniger an die Seele und Unsterblichkeit, sondern er war überzeugt, alles Materielle könne bei entsprechendem Wissen weiter manipuliert werden, der menschliche Körper sogar über den physischen Tod hinaus. Diese "Menschen" könnte man idealerweise für Armeen, für Eroberungen von Erde und Weltall verwenden... fantastisch, dass dies ein Russischer Philosoph erdacht hatte. In Erwartung der zukünftigen Auferstehung der Toten hat sein Anhänger Nikolai Setnitsky, der Oekonom, Philosoph und Schriftsteller war, verlangt, dass man von der Praxis absehen solle, die Toten zu kremieren oder ausserhalb der Stadt zu beerdigen, dass man zu mehr traditionellen Formen der Bestattung, basierend auf dem Glauben der Auferstehung, zurückkomme, und so den toten Körper erhalten würde. Sein Musterbeispiel war die Einbalsamierung Lenin's sterblicher Hülle. Weniger bekannte Zeitgenossen könnten auf ihre Auferstehung in einem "Weltfriedhof" (mirovoi nekropol') warten, der im nördlichen Permafrost gelegen sein könne.

Die Aura der Dame im obigen Bild könnte auch auf die etwas abgefahrenen Theorien hinweisen, welche neben Fedorov (er dachte nervöse Energie sei vergleichbar mit Elektrizität und das phyische Ausdrücke von psychologischen Prozessen mittels elektrischem Strom übermittel werden könnten...) Alexander Gorsky hatte - (über ihn ist wenig bekannt; wird auch Gorky zitiert, er stand in Briefverkehr mit Setnitsky, der ihn für Fedorovs Ideen als Propagandist gewinnen wollte. Wenn meine Quellen stimmen, Aleksandr Gorsky, 1886-1943, Philosoph und Poet, schrieb unter den Pseudonyms Gornostaev und Ostromirov. Hat an der Moskauer Theologie-Akademie unter Pavel Florensky studiert. Scheinbar ist sein mögliches Hauptwerk "Ogromnyi ocherk" (ein grosser Sketch), noch nicht publiziert). Gorsky schrieb 1912 dass sich mehr und mehr Gedankenenergie in der Welt ansammle, und war überzeugt dass diese Energie - möglicherweise mit Elektrizität oder Licht verwandt - seine eigenen inheränten Eigenschaften hätte - und wir eines Tages die Möglichkeit hätten, mit dieser Energie Dinge zu bewirken, welche wir uns gar noch nicht vorstellen können... Gorky hat sich auf die Arbeiten von Naum Kotik gestützt, der, 1876 in Odessa geboren, nach dem Doktortitel 1901 an der Uni Berlin sich in Odessa niederliess und experimentelle Forschungen zu Telepatie und Gehirnradiation unternahm. Er hat den von andern behaupteten Gedankenstoff experimentell nachgewiesen und dass die Luft von Gedanken erfüllt sei. Diese psychophyisische Energie werde aus dem Hirn in die Extremitäten geleitet, und es sei möglich, dass diese Energie in Objekte, z.B. Papier übergehen könne. So könne diese Energie gelagert und transportiert werden. Träger von Gedanken und Gefühle, wäre es möglich, bei genügender Konzentration damit Massenhypnose auszuführen. (Ich glaub ich hör jetzt besser auf!) Zwei Bücher hab ich gefunden, 1907 und 1908 publiziert. Ich sehe gerade sein Buchtitel: Die Emanation der psychophysischen Energie. Eine experimentelle Untersuchung über die unmittelbare Gedankenübertragung im Zusammenhang mit der Frage über die Radioaktivtät des Gehirns. 1. Aufl. Wiesbaden, Verlag von J.F. Bergmann, 1908.
1919 formulierte Gorky, erneut auf Kotik basierend, eine Idee welche das Konzept der Noosphäre zu antizipieren schient: neben der Atmosphäre und der Photosphäre sei unser ganzer Planet von einer Hülle von geistiger Schöpfung umgeben, eine vielfältige, irisierende Ausstrahlung unserer Energie.
P.S. zu Noospähre liese Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Noosphäre.

Oder eben die Biokosmisten, dieses literarische Avantgarde-Movement der 20er Jahre, geführt vom Poeten Alexander Fedorovitsch Agienko (Pseudonym Alexander Sviatogor, auch Svyatogor und bei Suhrkamp Svjatogor). Die Idee, einen neuen Uebermenschen zu schaffen, indem man nur die beste DNA des Fussvolkes nimmt, und die mit sich kreuzt bis man das gewünschte perfekte Exemplar Neu-Mensch hat, ist heutzutage nicht mehr neues Gedankengut, war aber vor 80 Jahren sehr gewagt. Wir wollen ja nicht zu tief in die philosophischen Pro und Contras tauchen, was dies bedeutet, wenn man Menschen nach Gutdünken selektioniert wie Batteriehühner etc... Und von dem Braunen Ideengut wollen wir auf jeden Fall absehen. Er wird auch nicht namentlich erwähnt, der Sack. Jedenfalls wollten die Biokosmisten alle den Kosmos erobern, Gott beweisen dass wir Herr sind über Raum und Zeit, Kosmos und Körper. Sviatogor hat dies in seinen zwei radikalen Manifesten "Die biokosmische Poetik" (1921) und "Die Lehre der Väter und der Anarcho-Biokosmismus" (1922) begründet.

Nicht zuletzt sei unser aller Freund Konstantin Ziolkowski, der Vater der sowjetischen Raumfahrt, erwähnt. Er hatte das Ziel vor Augen, andere Planeten mit auferstandenen Menschen zu bevölkern. Diverse Schriften stammen aus den Jahren 1916-19, danach erst wieder ab 1931.

Natürlich beschäftigt sich ein Teil dieser Schriften mit den politischen und sozialen Aspekten, mir geht es jedoch um die schier unglaublich fortschrittlichen, utopischen Gedanken, die hier geboren und weitergesponnen wurden. Dieses Gedankengut hat nebst der konkreten Forschung vom Uebermensch auch die bildenden Künste befruchtet. Der Futurismus, die dissonanten Symphonien Prokofjevs, und die Architektur seien hervorgehoben. Es gibt ein tolles Buch, das ich irgendwo vergraben habe: CCCP - Cosmic Communist Constructions Photographed, ein bombastischer Bilderband von Frédéric Chaubin.



Kombiniert man dann diese ganzen Arbeiten mit den Welten von Jules Vernes, ist man bestens gerüstet für heutiges grosses Kino...

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