Mittwoch, 8. August 2012

Singerhaus

Faszinierendes Jugenstilhaus, in dessen Club ich noch nie war. Warum auch? Trauere ja eh nur dem Vergangenen nach... Tja, fehlen nur meine Fotos, work in Progress...

Den Abschluss des Basler Marktplatzes in seiner Nordwestecke bildet heute das Singerhaus. Es ist eines der bekanntesten Cafes der Schweiz. Im Sommer 1915 ist es in Angriff genommen und im Herbst 1916 vollendet worden. Am Bau sind verschiedene Namen beteiligt: die ersten Projekte entstammen dem Architekturbureau Linder in Basel. Im Frühjahr 1914 führte eine Studienreise den Bauherrn Chr. Singer Kauffmann und den Architekten Ernst Eckenstein, der damals noch bei Architekt Linder tätig war, in die größeren deutschen Städte. Sie lieferte die Grundlagen für die Gestaltung des heutigen Singerhauses im Innern und Äußern. Der Gedanke eines Cafes im ersten Stock und der Zusammenziehung zweier Stockwerke zu einem einzigen großen Cafe-Tee-Raum stammt aus Berlin. Ende 1914 trat das Architekturbureau Linder von der Aufgabe zurück, und der Bau wurde Anfang 1915 von Architekt Ernst Eckenstein in Verbindung mit Architekt Emil Bercher unter der Firma Eckenstein & Bercher übernommen. Als sich dann in der Folge die beiden Architekten trennten, führte Architekt Ernst Eckenstein den Auftrag zu Ende, nachdem er für die Farbgebung der Innenausstattung den Maler Georg Kaufmann (Basel-Berlin) beigezogen hatte. Im Herbst 1916 konnte der Bau dem Betrieb übergeben werden.

In der Gestaltung der Fassaden ließen sich die Architekten bestimmen durch das dem Singerhaus gegenüberliegende Stadthaus. Es ist einer der vielen alten Basler Bauten, die, im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet, heute eine Zierde der alten Patrizierstadt bilden. Früher ein Posthaus, ist es im Jahre 1770 nach den Plänen von Samuel Werenfels erneuert worden, und im Jahre 1803 fiel es der Stadt zu. Die Architekten haben den schönen Bau einmal dadurch zur Geltung gebracht, dass sie die ganze, dem Marktplatz zugekehrte Stadthausgassfassade vom ersten Stock weg zurückgesetzt haben, und so ist das Stadthaus vom Marktplatz aus besser sichtbar und wird nicht vom Singerhaus erdrückt. Besonders aber in der Pilasterarchitektur, die den ersten und zweiten Stock zu einer Einheit zusammenfasst und in den Linien der Dachform haben sie auf das Stadthaus Rücksicht genommen. Auch in der Farbe des Steinmaterials — Othmarsinger Muschelsandstein, ein Naturstein von eigenartig warmer Tönung — und der Farbe des Daches passt sich das Singerhaus seinem Nachbar gut an. Ein hohes Parterre charakterisiert das Gebäude. Die Schaufenster sind in mittleren Proportionen gehalten, wie sie Feinbäckerei und Konditorei benötigen. Starke Pfeiler ruhen dazwischen, die Pfeiler so, dass sie den Aufbau der übrigen Stockwerke auch fürs Auge zu tragen vermögen. Straffe Konsolen tragen die Terrasse, ein einfaches, schmiedeeisernes Geländer, das jede unruhige Wirkung vermeidet, fasst das Ganze zusammen. Die Terrasse ist an der Marktgasse schmal, aber immerhin noch zum Aufstellen von kleinen Tischchen berechnet, an der Stadthausgasse und an der Ecke gegen den Marktplatz zu ist sie breiter. Zwischen den Pilastern, die die innere Zusammengehörigkeit vom ersten und zweiten Stock nach außen kennzeichnen, liegen die hohen Fenster des ersten Stockes und die niedrigeren des Galeriestockes. Die Konsolen im Erdgeschoss, die Eingangstüren, die Füllungen zwischen den Fenstern des ersten und zweiten Stockwerkes, die Pilasterkapitelle und die Mauerflächen zwischen den Fenstern des dritten Stockes tragen reichen ornamentalen und figürlichen Schmuck. Die Reliefs sind nach Entwürfen von Bildhauer J. Brühlmann in Stuttgart ausgeführt worden.

Die Fassade ist also nach dem denkbar einfachsten Prinzip gestaltet worden: eine Basis, gebildet durch das Erdgeschoss, durch das Balkongeländer zusammengehalten, senkrechte tragende Glieder, gebildet durch die auf der Basis ruhenden Pilaster, die die obere Last aufnehmen und durch den als breites Band durchgehenden dritten Stock verbunden werden; der letztere, zusammen mit dem durch Konsolen getragenen Dachgesims bildet das vermittelnde Glied zum Dachstuhl.

Wenn zwischen der Grundfläche und der Fassade eine gewisse Disproportion nicht abgeleugnet werden kann, so liegt die Schuld daran an den Verhältnissen: der Bauherr konnte nicht mehr Terrain bekommen und so mußten er und die Architekten mit den 231 qm, auf denen heute der stolze Bau steht, vorlieb nehmen und sich damit abfinden. Selbstverständlich kommt das Gebäude zu voller Wirkung erst bei entsprechender Bebauung des ganzen Komplexes. Auf diesem engen Raum, der die Lösung des Grundrisses bestimmte, wurde aber von den Architekten trotzdem alles vom Bauherrn Gewünschte untergebracht. Vor allem ist auch das Kellergeschoss reichlich ausgenützt. In Verbindung mit dieser Raumdisposition sei gleich ein Wort über die technischen Einrichtungen gesagt. Zunächst finden wir im Souterrain drei Kühlräume und sechs Kühlschränke in zweckmäßiger Weise zusammengestellt, so dass die Kälteverluste durch

Außenwände auf ein Minimum beschränkt werden. Die Kälteabgabe erfolgt durch eine Kohlensäure-Kühlmaschine, wobei zum Teil direkte, zum Teil indirekte Kühlung angewendet wurde. Der ganze maschinelle Teil besteht aus dem Kohlensäurekompressor von 4000 Kal. und einem Elektroventilator. An die Kühlräume schließen sich verschiedene Geschäfts- und Vorratsräume an. Im Kellervorplatz sind Garderobeschränke fürs Personal; neben dem Personenlift, der vom Keller bis und mit Kehlstock alle Etagen bedient, liegt der Motorraum des Personenlifts. An den Liftmaschinenraum schließt sich der Raum für die Entstaubungsanlage an. Diese Anlagen zählen zu den jüngsten Errungenschaften unserer modernen Gesundheitstechnik. Es sind Einrichtungen, die den Staub aus allen Räumen, von dem Fußboden, von den Wänden, aus den Teppichen und aus den Möbeln, aus allen Ecken gründlich und ohne Belästigung absaugen und aus den Gebäuden entfernen. Die elektrisch betriebene, eine kräftige Saugwirkung erzeugende Maschine steht in Verbindung mit einem Filterkessel und dieser mit einem bis zum Dachstock führenden Rohrnetze mit Wandanschlüssen in allen Stockwerken. Durch Schläuche mit entsprechenden Mundstücken (wobei die Schläuche an Wanddosen angeschlossen sind) wird der Staub in den Filterkessel des Kellers gesogen und von dort durch die Kanalisation abgespült. Auf die sanitären Installationen wurde überhaupt viel Sorgfalt verwendet, so auf Kanalisation, Abflussleitungen, Ventilation, Kaltwasserhochdruck- und Niederdruckleitungen, Warmwasserleitungen. Für die Zentralheizungs- und Lüftungsanlage wurden verschiedene Gruppen gewählt, wovon jede im Kessellokal für sich absperrbar und entleerbar ist: 1. eine Niederdruckwarmwasserheizungsanlage mit örtlich eingebauter Heizfläche für die Geschäftsräume und Wohnungen; 2. die Warmwasserbereitung mit zwei getrennten Wärmespeichern, d. h. Warmwasserboilern; davon dient einer mit hoher Wassertemperatur Küchenzwecken, der andere den vielen Toiletteanlagen; 3. Heizkammer für die Lüftungsanlage im Tee Raum; 4. Heizkammer für die Lüftungsanlage im Automatenrestaurant. Der gesamte stündliche Wärmebedarf beträgt ca. 225000 Kal. und wird durch eine Kesselheizfläche von 30 qm gedeckt. Die Kesselanlage ist natürlich auch im Keller untergebracht. Alle Heizkörperanschlüsse wurden im Hinblick auf die vornehme Innenausstattung in Mauernischen und Schlitze verlegt. Automatenrestaurant und Tee -Raum haben getrennt für sich je eine Pulsions- und Aspirationslüftung, die die frische Luft von außen nimmt und mittelst Ventilator durch Kanäle den Räumen zuführt. Die schlechte, verbrauchte Luft wird durch andere Kanäle aus den Räumen abgesogen und ins Freie gedrückt. Um Zugerscheinungen bei kalter Witterung zu vermeiden, wird die Luft in eigens dazu erstellten Heizkammern auf die Raumtemperatur erwärmt. Automatische Temperaturregelung der Luftwärmer dieser Heizkammern verhindert Überhitzung. Luftfilter garantieren nur reine Luft. Die Eintrittsöffnungen der frischen Luft und die Austrittsöffnungen der verbrauchten Luft passen sich der Innenarchitektur an und sind hauptsächlich in Deckenrosetten und Gesimse eingebaut.

Das Parterre umfasst zwei große Räume: den Konfiserie-Laden als Verkaufsraum und das Automatenrestaurant. Da infolge der Kriegsverhältnisse die Automaten nicht geliefert werden konnten, ist dieser Raum als Weinstube mit Restauration eingerichtet worden. Im ersten und zweiten Stock befindet sich als einheitliches Raumgebilde der Cafe-Tee-Raum. Er teilt sich in das eigentliche Cafe im ersten Stock und in den Tee-Raum im Galeriestock. Eine zweiteilige innere Treppe verbindet diese beiden Teile; von dieser aus zugänglich liegen die den neuzeitlichen sanitären Anforderungen entsprechenden, außerordentlich komfortabel ausgestatteten Toilettenräume. Marktgasse und Stadthausgasse bilden zusammen einen spitzen Winkel; darin lag für die Formgebung des Hauptraumes einerseits eine Schwierigkeit, der durch Anordnung von Kojen in allen Stockwerken begegnet werden mußte. Andererseits ergaben sich in Form dieser Kojen lauschige Winkel für die Besucher. Die Zwischenstockkojen sind durch eine separate Treppe zugänglich, unter der sich auch eine Telephonkabine befindet. Im ersten Stock enthält die letzte Koje gegen den Marktplatz hin einen Ausgang nach der Terrasse, ein weiterer Ausgang liegt beim Serviceeingang neben dem Büfett. Das Büfett selbst dient weniger dem direkten Verkauf als vielmehr Ausstellungszwecken. Hieran schließt sich ein Raum als zentrale Kontrollstelle. Hier sind die Telephon-, Lichtsignal-, Rohrpost- und Läutanlagen untergebracht. Die Anlage der Galerie, der große Deckendurchbruch im zweiten Stock und die Forderung, in den Obergeschossen nirgends Unterzüge zuzulassen, verlangten von der Bauleitung ganz besondere Maßnahmen. So befindet sich nun die Haupttragkonstruktion für alle über dem ersten Stock befindlichen Decken im dritten Stockwerk, wo zwischen Wohn- und Speisezimmer ein die ganze Höhe des dritten Stockes einnehmender eiserner Fachwerkträger angeordnet wurde, der seine Auflage einerseits auf dem Mittelpfeiler der Gebäudelangseite, andererseits auf der nachbarlichen Scheidemauer hat. Dieser Träger nimmt an seinem mit der Decke über Galerie bündigen Untergurt die Bodenkonstruktion des dritten Stockwerkes auf, in welch letzterem sich zwölf Stück Aufhängungen für die Tee-Raum-Galerie befinden. Der Obergurt des genannten Gitterträgers nimmt die über dem dritten Stockwerk befindlichen Deckenlasten auf. Zwischen den Haupt- und Nebenräumen befindet sich eine eiserne, vom ersten bis zum dritten Stock durchgehende „Steife Wand“, welche, wie auch alle übrigen eisernen Konstruktionsteile, mit leicht armierter Betonumhüllung feuersicher verkleidet wurde. Die Berechnung und Bearbeitung der umfangreichen Eisen- und Betonkonstruktionen war dem Ingenieurbüro H. Binder-Friedrich in Basel übertragen worden. — Der dritte Stock enthält die Wohnräume des Bauherrn mit Möbeln von Architekt Ernst Eckenstein; im Dachstock ist ebenfalls eine ganze Wohnung, im zweiten Dachstock eine Anzahl hübscher Personalzimmer untergebracht.

Was nun die Ausstattung der Räume anbetrifft, so muss vor allem die Gediegenheit und Echtheit des Materials betont werden. Der Boden des Verkaufsladens ist mit Platten-Kleinmosaik belegt; das Holzwerk ist Eichen, dunkel gebeizt, mit weißen Pilastern. Der Marmor der Schaufenster und der Ladentische ist griechischer Cipollin. Im Laden galt es, die praktischen Bedürfnisse des Kaufmannes mit den ästhetischen Anforderungen des Architekten in Einklang zu bringen: verständnisvolle Zusammenarbeit hat das zustande gebracht.

Der Akzent ist natürlich auf den Hauptraum des Gebäudes, das Café und den Tee-Raum, gelegt: es ist ein festlicher Saal mit Galerie. Tagsüber flutet das Licht durch die hohen Fenster herein, abends spendet ein prunkvoller Leuchter hellen Glanz, und rings daneben und auf der Galerie, in den Kojen und Nischen funkeln außerdem noch niedliche Ampeln. Der Raum ist tagsüber sowohl als auch am Abend von einer wundervollen Farbigkeit. Vom Elfenbeinton des Holzwerks über das freudige Gelb der Wände bis zur Aprikosenfarbe der Lampenschirme, vom Grünspan der Marmorplatten bis zum Königsblau der Stuhlbezüge und dem Violettrot der Vorhänge und Teppiche eine einzig schöne, zart und diskret abgestimmte Skala von Farben. Die reich verwendete Malerei ist rein dekorativ; sie verzichtet auf ins einzelne gehende Wirkung, sucht sich der Architektur des Raumes anzuschmiegen und diese so zu erhöhter Wirkung zu steigern. Die blattartige und kräftige Ornamentik der Wände wird angenehm unterbrochen durch eingefügte, in einfachstem Stil gehaltene Figuren, Frucht- und Tierstücke. Die Wände werden durch die in Form einer großen, kreisrunden Öffnung durchbrochenen Decke mit großen, einfachen Ornamenten nach oben abgeschlossen. Die Decke verläuft ihrerseits wieder gegen den obersten gewölbten Plafond hin in einem, in zarten Farben gehaltenen Ornament rings um die Galeriebrüstung des Tee-Raums. Den Zusammenhang zwischen Unterund Obergeschoss vermitteln die violetten Vorhänge. Sie durchziehen, gleichzeitig oben und unten sichtbar, den ganzen Raum in senkrechten parallelen Streifen. Dann vermittelt auch den Zusammenhang die ebenfalls sichtbare Grundfarbe der oberen und unteren Wände. Der Café-Aufgang von der Straße her ist in kalten Farben gehalten, um den farbigen Eindruck des Cafes recht zur Wirkung zu bringen; ebenso kalt sind die Farben des Aufgangs vom Cafe zum Tee-Raum, damit einen um so lebhaftere Farbenakkorde überraschen, wenn man die Galerie betritt. Bodenbelag, Möbelstoffe, Wandbespannung der Kojen vereinigen sich zu einer ungemein vornehmen wohnlichen Wirkung. Der Charakter dieses oberen Raumes ist seiner Bestimmung entsprechend intimer. Er gewährt reizende Einblicke in das heller gestimmte Café hinunter. Farbige Seidenampeln verbreiten ein angenehmes, gedämpftes Licht. Zweifellos liegt die Bedeutung des großen Raumes nicht nur in seiner architektonisch hervorragenden Aufteilung, sondern speziell auch in der Farbenwirkung, die das Verdienst des Malers Georg Kauffmann (Basel-Berlin) und seiner Mitarbeiter: A. Wanner (St. Gallen), Werner Koch (Dornach) und August Kuoni (Zwingen) ist.

Trotzdem Basel im Gegensatz zu Zürich und Bern vom Krieg nichts profitierte, trotzdem das Singerhaus nicht am verkehrsreichsten Platz oder an der verkehrsreichsten Straße liegt, hat es von Anfang an großen Zuspruch gehabt. Der Grund dafür liegt sicher nicht nur in der guten Ware (Herr Singer besitzt u. a. eine eigene Fabrik für die sog. Basler Leckerli und hat vor dem Krieg auch in Russland große Etablissements eingerichtet), der Grund ist in der Anziehungskraft zu suchen, die das Gebäude selbst und vor allem die gediegenen Innenräume auf den Basler Bürger und den Fremden ausüben. Dass das Ganze so imposant und schön wurde, verdanken wir nicht zuletzt der verständnisvollen Zusammenarbeit zwischen Bauherrn, Architekt und Maler.

Basel -  Café Singer – Arch. E. EckensteinBasel – Das Singerhaus – Blick vom ersten Stock auf Marktplatz und RathausBasel – Das Singerhaus – Teil der Fassade – Arch. E. Eckenstein




Basel – Das Singerhaus – Grundrisse – Arch. E. Eckenstein   Basel – Das Singerhaus – Kojenfront im Ersten, Zwischen- und Galeriestock
Basel – Das Singerhaus – Café- und Tee-Raum mit Blick auf Büfett und Aufgang zur GalerieBasel – Das Singerhaus – Tee-Raum mit Kojen im Ersten und ZwischenstockBasel – Das Singerhaus – Fensterecke und Koje des Tee-Raums




Basel – Das Singerhaus – Büfett und Treppe im Tee-RaumBasel – Das Singerhaus – GalerieBasel – Das Singerhaus – Blick in die Kojen im Ersten und Zwischenstock



Basel – Das Singerhaus – Fensterecke im GaleriestockBasel – Das Singerhaus – SpeisezimmerBasel – Das Singerhaus – Blick vom Herrenzimmer in das Speisezimmer







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