Samstag, 14. April 2012

Lasst uns den Tod abschaffen!

Biopolitische Utopien fielen im revolutionären Russland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden, wie ein Sammelband zeigt

Als Friedrich Engels im März 1880 seine Schrift "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" verfasste, ahnte er nicht, dass seine Ideen und auch jene von Karl Marx im fernen Russland einer eigenartigen geistigen Weiterverarbeitung unterworfen würden. Die russische Oktoberrevolution von 1917 stürzte nicht nur mit brachialer Gewalt das zarte Pflänzchen einer parlamentarischen Republik der provisorischen Regierung, sondern flutete auch das geistige Leben.

Gefragt war alles, was die bisherigen Werte und Normen zerschlug. Analog zur europäischen Aufklärung, doch ungleich aggressiver wurde die christliche Gottesausrichtung in Wort und Tat destruiert und durch ein anthropozentrisches Menschenbild ausgetauscht. In der politisch-gesellschaftlichen Praxis dominierte jedoch die strenge Parteilichkeit einer revolutionären Arbeiter- und Bauernpartei, der sich der Einzelne im Sinne des Wohles der Allgemeinheit zu unterwerfen hatte. Im Zuge dieser Diktatur der Machbarkeit waren Tür und Tor für gesellschaftspolitische Zukunftsspekulationen geöffnet. Dass Überlegungen zur Gestaltung des menschlichen Lebens und der Zukunft einer Gesellschaft nicht nur in soziologischen oder politischen Kategorien, sondern auch im biophysischen und medizinischen Bereich angestellt wurden, belegt den maximalistischen Anspruch auf einen ganzheitlichen, ja totalen Diskurs der Selbsterlösung.

Der vorliegende Sammelband stellt anhand von acht ausgewählten Vertretern Einblicke in jene biopolitischen Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts her. Ein wesentliches Ziel dieser russischen "Biokosmisten" war nichts Geringeres als die Überwindung des biologischen Todes, die Abschaffung der menschlichen Sterblichkeit. Die konkrete Auferstehung vom Tode wurde somit der überlieferten metaphysischen Ebene entrissen und in Menschenhand übergeben. In diesem Zusammenhang gedeihen Vorstellungen, die unverhüllt einem Verfahren biologischer Auslese das Wort redeten. Auch der marxistische Intellektuelle Lev Trotzkij (1879-1940) spricht davon, einen "höheren gesellschaftlich-biologischen Typus zu erschaffen". In gewaltigen Gedankenwürfen wurden vor allem von Konstantin Ciolkovskij (1857-1935), der als "Vater der sowjetischen Raumfahrt" bezeichnet wird, über hunderte von Seiten beschrieben, auf welche Weise eine von der Sterblichkeit erlöste Menschheit den Planeten, aber auch die kosmischen Räume zivilisatorisch zu erschließen vermöge.

Biokosmistische Überlegungen waren nicht von vorneherein marxistisch-leninistisch ausgerichtet, fügten sich allerdings im Dienste der neuen revolutionären Weltanschauung zu allumfassenden Erlösungsprojektionen. So äußert sich zum Beispiel Valerian Murav'ev (1885-1930/31) über eine "Kultur der Zukunft" oder Aron Zalkind (1889-1936) über "Die Psychologie des Menschen der Zukunft" und Aleksandr Bogdanov (1873-1928), der 1926 das weltweit erste "Institut für Bluttransfusionen" in Moskau gegründet hatte, machte sich in ganz konkreten medizinischen Versuchen daran, den Prozess der Alterung durch gezielte Bluttransfusionen einzuschränken. Bogdanov starb an einem seiner Selbstversuche. Die meisten dieser kosmistischen Denker waren schließlich Stalins Säuberungswahn zum Opfer gefallen.

Eine weitere Eigentümlichkeit der russischen biokosmistischen Philosophen besteht darin, dass einer ihrer bedeutendsten Wegbereiter, Nikolaj Fedorov (1829-1903) sich als gläubiger orthodoxer Christ verstanden hatte. Seine dezidiert religionsphilosophischen Überlegungen, die zum allergrößten Teil erst nach seinem Tode veröffentlicht worden waren, verbanden eine christlich-religiöse Weltsicht mit biokosmistischen Visionen. Fedorov argumentierte in bewusst christlicher Weise, wenn er die Auferweckung der verstorbenen Väter als einen den Menschen von Gott auferlegten Dienst betrachtete. Eine Existenz auf Erden könne nicht sittlich sein, wenn das Vergessen der Verstorbenen dem empfundenen Glück der Lebenden zugrunde liege. Fedorov verglich diese unreflektierte Entwicklungsstufe mit der reflexhaften Existenz von Tieren.

Dieser vorliegende, von Michael Hagemeister mit hervorragenden und fundierten Kommentaren versehene Band ist Teil eines von Boris Groys betreuten Forschungsprojekts, das in drei umfangreichen Bänden Aufschlüsse über die "geistige Situation in Osteuropa und ihre kulturhistorischen Vorraussetzungen" zu erlangen versucht.


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