Sonntag, 15. Mai 2011

Romaneske Umsetzung Von Leo's Leben Und Sterben

Leonardo Padura (Cuba) - Der Mann der Hunde liebte (El hombre que amaba a los perros).

Kurzbeschreibung

"Tötet ihn nicht! Dieser Mann muss reden", rief der schwer verwundete Trotzki seinen Leibwächtern zu, als sie sich auf den Mann stürzten, der ihn mit einem Eispickel niedergeschlagen hatte. Leonardo Padura bringt ihn zum Sprechen. Ein rätselhafter Mann, der mit seinen beiden Windhunden am Strand spazieren geht, erzählt dem kubanischen Schriftsteller Iván die Geschichte des Trotzki-Mörders Ramón Mercader. Doch woher kennt dieser Unbekannte all die Facetten aus Mercaders Leben? Leonardo Paduras vielschichtiger Roman führt uns an verschiedenste Schauplätze der Weltrevolution: ins Bürgerkriegsspanien, nach Moskau während der stalinistischen Schauprozesse, ins Mexiko Frida Kahlos und Diego Riveras, ins Prag von 1968, nach Kuba. In atemberaubender Prosa erweckt er die Protagonisten zu neuem Leben, zeigt sie in ihrer Bereitschaft zur völligen Selbstaufgabe zugunsten einer Ideologie und zieht die Bilanz der gescheiterten Utopien eines Jahrhunderts.

Über den Autor

Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, schloss 1980 ein Lateinamerikanistik-Studium in Havanna ab und schrieb zunächst für verschiedene kubanische Zeitschriften. Bald gehörten seine Reportagen zu den meistgelesenen in Kuba. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen und Interviews. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus »Das Havanna-Quartett«. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er den Premio Café de Gijón sowie dreimal den spanischen Premio Hammett. 2009 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Premio Raymond Chandler, dem wichtigsten italienischen Noir-Preis, geehrt. Leonardo Padura lebt in Havanna.


Perversion einer Utopie (Interview)

Die Kritik hat in dem Roman »Der Mann, der Hunde liebte« die Geschichte des Verfalls einer Utopie gesehen, eine Metapher für die Erfindung eines totalitären Sozialismus und die literarische Rekonstruktion eines der bezeichnendsten Verbrechen der modernen Welt. Sind diese Interpretationen für Sie stimmig oder denken Sie, dass es noch andere Dinge in dem Roman gibt?Er ist all das, und gleichzeitig ist er noch ein bisschen mehr. Vor allem ist der Roman eine Reflexion darüber, wie die wichtigste Utopie des 20. Jahrhunderts pervertiert wurde, die Utopie, der die Menschen folgen, seit es Menschen gibt, die Utopie, an der Philosophen und andere Denker seit dem 16. und 17. Jahrhundert herumzimmern. Seit dieser Zeit strebt der Mensch in erster Linie nach einer möglichst freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Dies war das Versprechen des Sozialismus, als er sich in der Sowjetunion durchgesetzt hat. Und die Perversion dieser Utopie ist der Ausgangspunkt meines Romans. Sie wird aus einer historischen, aber auch aus einer metaphorischen Perspektive heraus betrachtet, denn der kubanische Protagonist des Romans, Iván, ist keine reale Person, sondern das einzige fiktionale Element des Buchs. Ich habe ihn aus mehreren kubanischen Lebensgeschichten zusammengesetzt, aus vielen wahren Geschichten, die nicht einem einzigen Individuum widerfahren sind, sondern mehreren, und das verleiht ihm eine symbolische Dimension.
Eine der Enthüllungen des Romans ist der Schutz, den Ramón Mercader in Kuba genossen hat ...
Das ist wirklich aufschlussreich, denn Mercader befindet sich im Zentrum eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Die Ermordung Trotzkis war  eine Art »Königsmord«, auch wenn er keine eigentliche politische Macht mehr hatte. Und gleichzeitig ist Mercader jemand, von dem man nichts weiß, da er ein Mann ohne Geschichte werden musste. Das heißt, die ganze Geschichte des Ramón Mercader wurde eigens dafür geschaffen, damit er das tun konnte, was er getan hat, ohne dass man seine Spuren verfolgen könnte. Seinem Aufenthalt in Kuba ist keine besondere historische Bedeutung beizumessen. Er wollte nicht in der Sowjetunion leben. Seine mexikanische Frau Rogelia Mendoza, die er im Gefängnis in Mexiko kennenlernte, wollte nicht mehr dort leben. Da sie im Gefängnis nicht heiraten durften, konnten sie nicht in Mexiko bleiben. Am Tag seiner Entlassung wurde er also abgeschoben. Die beiden sind dann nach Kuba gegangen, weil es die einzige Zuflucht für sie war.
Wie hat man Mercaders Identität in Kuba geheim halten können?
Mercader hat in Kuba praktisch inkognito gelebt. Ich kenne Leute, die bei ihm waren, die mit seinen Kindern Arturo und Laura befreundet waren - die natürlich keine »Mercaders«  waren, da er sich Jaime Ramón López nannte. Sie dachten, er wäre ein spanischer Republikaner. Sie hätten nie geahnt, dass dieser Mann der berühmte Ramón Mercader gewesen ist. Nur ein sehr kleiner Kreis alter militanter Kommunisten, die ihn über seine Mutter kannten, hatten mit ihm Kontakt. Es war jedoch ein streng gehütetes Geheimnis.

Sie schildern in Ihren Romanen und Kurzgeschichten ausführlich die kubanische Realität. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation auf der Insel, nicht nur als Autor, sondern auch als normaler Bürger? Was passiert mit einer Gegenwart, deren Zeit abgelaufen ist?
In Kuba gibt es ein fundamentales Problem, über das ich in meinem Roman »Der Nebel von gestern«  geschrieben habe und das sich im Laufe der Jahre noch vergrößert hat: Erschöpfung. Kuba ist ein Land, das der Geschichte müde geworden ist. Die Menschen sind müde zu hören, ihr Land befinde sich in einer historischen Zeit. Sie wollen Normalität. In einem Land, in dem Prostitution nicht mehr ein verwerflicher Beruf ist, sondern nur noch als willkommene und mit dem Segen der gesamten Familie versehene Gelegenheit zur Aufbesserung der Haushaltskasse wahrgenommen wird, läuft etwas falsch. Genauso falsch wie in Hamlets Dänemark.
Ein Land, dessen Mehrzahl an Bewohnern nur am Rande der Legalität überleben kann und dies abgebrüht und mit selbstverständlicher Lässigkeit tut, steht vor einem ernsten Problem. Die Regierung selbst - die der Arbeitgeber von 90% der Kubaner ist - hat eingeräumt, dass die Gehälter ihrer Angestellten nicht zum Leben ausreichen und dass die Menschen sich andere Mittel suchen müssen, um zu überleben. Diese Probleme sind eine soziale und moralische Belastung, ihre Überwindung wäre ein erster Schritt in die Zukunft.
Wo ist in dieser orientierungslosen Gesellschaft die kubanische Jugend, was denkt die zukünftige Generation, was strebt sie an und wie bietet sie der sozialen Realität die Stirn?Eines der gravierendsten Probleme für die Zukunft Kubas ist, dass die meisten jungen Leute auswandern oder dies zumindest erwägen. Das sind zumeist die gut ausgebildeten Menschen, die eigentlich künftig die Verantwortung übernehmen sollten. Im sozialen Bereich, an den Universitäten, in der Wirtschaft. Gleichzeitig findet in dieser Jugend eine grundlegende Entpolitisierung statt, sie möchte einfach nur ihr Leben leben. Junge Menschen sind heute ganz anders, als wir es vor zwanzig oder dreißig Jahren waren. Das erklärt, warum es so wenige städtische Subkulturen gibt. Letztendlich ist dies eine Generation, die weit weniger politisch engagiert ist, obwohl die offizielle Propaganda weiterhin das Gegenteil behauptet.
Ich weiß, dass Sie nach Miami gekommen sind, um für Ihren nächsten Roman zu recherchieren. Wovon handelt er?Ich habe beschlossen, die Figur des Mario Conde wieder aufzunehmen, wie ich es schon in »Der Nebel von gestern« gemacht habe, allerdings mit einer komplizierteren Handlung. Ich denke jetzt an ein Buch, dessen These ist, dass die Freiheit des Menschen eine condition humaine ist, ein philosophisches Konzept, eine Bedingung des Lebens. Es wird eine sehr breit angelegte Vision von Freiheit. Die Geschichte beginnt 1640 im Atelier von Rembrandt in Amsterdam und endet im heutigen Havanna. Die Hauptfigur ist ein polnischer Jude, der seit dreißig Jahren in Kuba lebt, wo etwas passiert, was die Handlung des Romans einleitet. Das ist die Idee.
Miami Herald, 23.09.2010


Was macht den Tod Trotzkis so bedeutsam? (Interview)




Was macht den Tod Trotzkis so bedeutsam?Seine Ermordung war ein symbolischer Moment der Unumkehrbarkeit. Grundthema ist der Verrat an der größten Utopie des 20. Jahrhunderts. Der Kommunismus wollte eine freie und gleichberechtigte Gesellschaft ins Leben rufen. Ein Gedanke, der in der Sowjetunion fast von Beginn an verdreht wurde. Und diesen Traums hat Stalin verdorben.
In welcher Weise wirkt sich die Ermordung Trotzkis auf die aktuelle Situation einer Insel wie Kuba aus?
Die Geschichte hängt nicht immer direkt mit Fakten zusammen. Das von Stalin kreierte wirtschaftliche und politische System wurde von Kuba nach der Revolution von 1959 übernommen. Diese Modell befindet sich in Veränderung. Seine Unfähigkeit, Wohlstand, Schaffenskraft und Produktivität hervorzubringen, hat schwerwiegende Probleme im Land verursacht, das sich seit zwanzig Jahren in einer endlosen Krise befindet. Daran gemessen ist die Ermordung Trotzkis nichts als eine Anekdote, die man lesen kann als Zeichen für die Intoleranz und den Fanatismus einer Diktatur, die kein Andersdenken erlaubt. Scheinbar eine klassische Tragödie.
Warum haben Sie einen historischen Roman geschrieben?Mich beschäftigt die Suche nach unserem Ursprung. Ich habe bereits über Musik, den Rum und kubanischen Baseball geschrieben, aber nun stelle ich alle sin einen universalen Zusammenhang. Der Fehler unserer Literatur besteht darin, sich ausschließlich mit lokalen Themen zu befassen. Mich hingegen interessieren die Gemeinsamkeiten in den Bereichen des Lebens, des Denkens, der Menschlichkeit verschiedener historischer Persönlichkeiten. Denn in gewisser Hinsicht korrespondiert die Geschichte mit meiner Erfahrung als Mensch von heute.
Stark, solang die Revolution voranschreitet, schwach, als die Revolution sich zurückzieht. Ist das Ihr Urteil über Trotzki?
Ja. Seine ganze Fähigkeit und Intelligenz stellt er während der Revolution unter Beweis. Er konnte das Volk nicht kontrollieren, nur mobilisieren, und deshalb hat Stalin so leicht über ihn triumphieren können. Während seines Exils erlebte er seinen politischen Niedergang, ausgelöst und vorangetrieben durch Stalin. Am Ende war er ein einsamer Mann, dessen einzige Waffe die Sprache blieb. Und die setzte er ein, als Kritiker oder als Prophet, doch sie gereichte nicht mehr dazu, etwas aufzubauen. Sein Tod war unnötig und lässt ihn in den Augen der Nachwelt viel größer erscheinen.
Ein Teil des Romans spielt in Mexiko, wo Trotzki Unterschlupf gefunden hat. Sind Sie in seinem Haus gewesen?
Zum ersten Mal bin ich 1989 dort gewesen und habe es in einem vernachlässigten Zustand vorgefunden. Die Arbeiten zur Restaurierung und Umwandlung in ein Museum hatten gerade erst begonnen. Sein Grab befindet sich im Garten. Es war ein überwältigendes Gefühl, hineinzugehen. Zwei Wochen nach dem Mauerfall in Berlin. Ein weiteres großes Ereignis für mich. Zu der Zeit war ich noch nicht reif für ein Buch wie »Der Mann, der Hunde liebte«.
Was bleibt von seiner Lehre?Seine Ideen über die Revolution, den Sozialismus und die Wirtschaft sind bis heute interessant; sie bieten viel mehr als die Analyse über die Pervertierung der Revolution. Sein großer Beitrag war das Aufzeigen der Dekadenz. Es geht nicht darum, einen Aufstand zu machen, sondern ihn zu erhalten und zu wahren Veränderungen zu gelangen. Ohne dass die Partei ihre Macht zementiert und die Bevölkerung dominiert.
Wie stellen Sie sich eine nächste Utopie vor?In der Tat halte ich sie für notwendig. Ich denke an eine Gesellschaft, in der Freiheit, Gleichheit und Demokratie wirkliche Werte sind und nicht bloß Schlagworte. Der Kapitalismus hat ausgedient. Die Menschheit verlangt nach einer Lösung, die nur mit großen Veränderungen einhergehen kann, die zum Wohle aller dienen.
Sehen Sie einen Unterschied zwischen dem Fanatismus von damals und dem Hass von heute?Der Unterschied liegt im Detail. Die Methoden und Motivationen mögen verschieden sein, doch von außen erscheint es sehr ähnlich. Es lässt sich nicht leugnen, dass Fanatismus und Fundamentalismus Synonyme sind. Beide sind krankhafter Ausdruck eines Glaubens, und beide lassen sich genauso gut in Fußballstadien finden.
La Repubblica, 2.10.2010
Interview von Sebastiano Triulzi





Stimmen aus der spanischen Presse




»Die Ortswechsel der Personen folgen den dramatischen Ereignissen in Europa im 20. Jahrhundert. Stalins Machenschaften zur Beseitigung von Freund und Feind, das Erstarken des Nazismus, die sowjetische Unterstützung Hitlers aus politischem Kalkül, der Spanische Bürgerkrieg, die Auflösung der UdSSR oder die Krisen auf Kuba bestimmen die Schicksale der Personen. Padura stellt den spanischen Konflikt in einen weitaus größeren Kontext, ergründet die Psyche seiner Figuren und setzt sich kritisch, aber nicht defätistisch, mit den Ideologien auseinander. Trotzki wie auch Mercader rufen sowohl Widerwillen als auch Mitleid hervor. Sie waren Fanatiker, im Namen einer Idee zu allem bereit und wurden doch gleichzeitig betrogen und verraten.Ein gewaltiger Roman, der gewichtigste dieses Autors, kritisch, ohne fanatisch zu sein, menschlich, dicht und von großer erzählerischer Dynamik.« La Vanguardia
»In diesem Roman, an dem Padura drei Jahre gearbeitet hat, möchte er nicht nur Trotzkis eisige Exiljahre veranschaulichen, sondern auch das Verbrecherprofil Ramón Mercaders erstellen, auf dem der grausame Schatten seiner Mutter Caridad lastete: einer Frau aus der katalanischen Bourgeoisie, die für die totale Zerstörung des Kapitalismus kämpfte. So verwandeln sich das Opfer und der Täter schnell zu Protagonisten einer Handlung, die sich um eines der wichtigsten politischen Verbrechen dreht, ein Verbrechen, das mit einem Schrei beginnt und immer noch nachhallt.« La Razón
»Mit einem Netz aus Geschichten und anhand von Überlegungen zu Freiheit, Rassismus, Unterdrückung, den Völkermord – die größten Irrtümer des 20. Jahrhunderts – erstellt der Autor ein wachsendes moralisches Gewissen. Die Balance dieser Motive, die Breite des Geschehens, die Feinheit, mit der er Psychogramme erstellt, auch von Nebenfiguren, verleihen diesem Roman eine Dichte und einen Reichtum, wie sie uns in erzählerischen Werken nur selten geboten werden. Ein großartiger Roman!« El Mundo
»Wer diesen mitreißenden, faszinierenden und ernüchternden Roman gelesen hat, versteht die Geschehnisse, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, besser. Unweigerlich verfällt man diesem Werk.« Heraldo de Aragón
»Glauben Sie mir, dieser Roman ist das Beste, was dieser Bücherherbst zu bieten hat.« La Nueva España
»Padura gelingt etwas Seltenes: Er macht aus einem historischen Text einen elektrisierenden Abenteuerroman.« El Periódico de la Publicidad
»Gekonnt und sprachgewaltig erzählt Padura eine spannende Geschichte. Ein lesenswerter Roman.« La Opinión de Málaga


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