Montag, 14. März 2011

Der Abgesang eines Börsenstars

aus:  BILANZ 14/05 23.08.2005 Unternehmen


Das Jahr 2003 war selbst für Hedge-Fund-Manager ein schlechtes Börsenjahr, weil keine markanten Trends in Sicht waren und die Volatilitäten im Handel zurückgingen. Auch Dieter Behring wies für seine Managed Futures/CTA-Kapitalanlagen die schlechteste Performance seit zehn Jahren aus, nämlich lediglich 13 Prozent. Trotzdem war das Geschäftsjahr für das Finanzimperium von Behring ein nach aussen hin ruhiges Jahr. Doch im Innern des Finanzunternehmens begann es zu gären.

Das dicke Ende zeichnete sich für Behring indessen erst gegen Jahresende in Umrissen ab. Bei einer Besprechung im November 2003 verlangte Raymond Pousaz erstmals die Rückzahlung der Kundengelder. Das war ein schlechtes Omen. Obwohl sämtliche Renditezahlungen an die Kunden von Behring bisher immer termingerecht disponiert und geleistet werden konnten, wuchsen bei Pousaz der Argwohn und der Zweifel gegenüber Behring. Offenkundig prekär wurde für Pousaz die Situation erst, nachdem sich im Sommer 2003 beide Basler Partner, Dieter Behring und Peter Weibel, gleichzeitig aus dem Bahamas-Geschäft formell abgesetzt und ihn auf dem Präsentierteller allein zurückgelassen hatten. Sein Berater, der Finanzanwalt Michael Paton, riet ihm dringend, Massnahmen zu seiner geschäftlichen Absicherung zu ergreifen.

Namentlich galt es, Verantwortlichkeitsansprüchen auszuweichen, die gegen ihn als Funktionsträger der Moore-Park-Gruppe in erster Linie erhoben werden könnten. Pousaz erteilte der angesehenen Revisionsgesellschaft Deloitte & Touche den Auftrag, die Gesellschaften, denen er vorstand, zu revidieren. Aber eine Revision erwies sich als unmöglich, weil er Deloitte & Touche in den Bahamas nicht alle relevanten Geschäftsunterlagen zur Verfügung stellen konnte. Die Dokumente waren wahrscheinlich in Basel, und Deloitte & Touche lehnte es folgerichtig und korrekt ab, ohne lückenlose und komplette Buchhaltungsbelege einen Revisionsbericht zu verfassen.

Für das Jahr 2002, als die Fonds der neun Firmen auf den Bahamas neu aufgelegt worden waren, wurden sie von Deloitte & Touche ohne Schwierigkeit revidiert; sie wiesen als einziges Aktivum so genannte Notes der Moore Park Funding (Bahamas) in ihrem Bestand auf. Das ganze Problem der Revision bestand in der Bewertung der Notes. Die Revisionsfirma begnügte sich im ersten Geschäftsjahr damit, auf das Risiko des Kapitalverlustes hinzuweisen. Im zweiten Geschäftsjahr war sie nicht mehr bereit, einen Bericht abzugeben. Denn die Notes waren nichts anderes als ein ungesichertes Schuldversprechen der Moore Park Funding (Bahamas), gegeben im Austausch für Anlagegelder der Kunden. Diese Gelder wiederum wurden an die Moore Park International und von dort an Moore Park Investments (British Virgin Islands) weitergeleitet, an diesen Riesentopf, in dem alle Kundengelder landeten, bevor sie endgültig im Rachen des Börsengurus und seines Anlagesystems verschwanden.

Deloitte & Touche bestand darauf, eine Portfolio-Valuation, die Bewertung der investierten Aktiven, vorzunehmen. Raymond Pousaz war zunächst hilflos. Er hatte keine Ahnung, welche Rechte und Pflichten ihn und seine Firmen, denen er vorstand, mit Dieter Behring und den Investoren verbanden. So jedenfalls hat es Pousaz erlebt. Er unterzeichnete jeweils in Basel reihenweise Investitionsverträge für Moore Park Investments (British Virgin Islands), hatte aber über den ganzen Finanzverkehr keinen Überblick und konnte sich gegenüber Behring nicht durchsetzen, um von ihm lückenlos und laufend über die umfangreichen Geldflüsse und Kundenbeziehungen orientiert zu werden. Für Pousaz war Behring die überragende Figur. Wahrscheinlich auch mit Rücksicht auf die beträchtlichen Entschädigungen, die ihm für seine Ämter in der Moore-Park-Firmengruppe zuströmten und deren Zufluss er nicht durch allzu hartnäckiges Nachfragen beim Big Boss gefährden wollte, unterliess es Pousaz, hartnäckig zu sein.

Aber nun wuchs Pousaz’ Unruhe, und er forderte ab April 2004 von Behring konkrete Informationen über den Umfang der vorhandenen Aktiven und der Verpflichtungen der Moore-Park-Gesellschaften gegenüber den Investoren. Behring vertröstete ihn. Pousaz zögerte zu lange. Er verlangte viel zu spät, erst am 26. Juni 2004, von Dieter Behring in einem formell gehaltenen Memorandum genau bezifferten und dokumentierten Aufschluss über die Verhältnisse in seinen Moore-Park-Firmen.

Lange Zeit verkannte Dieter Behring den Ernst seiner Situation. Er behandelte Raymond Pousaz als Quantité négligeable. Dessen Anfragen aus Nassau wurden hinhaltend und ausweichend beantwortet. Andererseits wusste Behring, wie anfällig sein Geschäft für Vertrauensschwund war, falls die Kerngruppe auseinander brechen sollte. Sehr rasch konnte das hybride Konstrukt von Firmen, Verträgen und Finanzen zusammenstürzen. Verschwindet das Vertrauen, so kann leicht der Sturm losbrechen, der unfehlbar und lawinenartig zum Abfluss von Kundengeldern führt.

Behrings Revisor

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als ein Zufall, dass sich etwa zur gleichen Zeit, Anfang Juni 2004, Arthur Buck bei Behring zu Wort meldete. Er stand von Seiten seiner süd- und mittelamerikanischen Kundschaft, die er dem Behring-Anlagesystem zugeführt hatte, in Bedrängnis. Als Buck sich bei Behring über die Sicherheit und Liquidität der für die Kunden getätigten Anlagen erkundigte, rannte er bei diesem scheinbar offene Türen ein.

Behring hatte jedoch aus dieser besonderen Situation heraus, von zwei Seiten gleichzeitig angegriffen zu werden, sofort einen Plan gefasst. Dieser Plan sollte es ihm erlauben, dem Zugriff seiner Partner abermals zu entgehen, indem er ihnen ein Schnippchen schlug. Er wollte auf keinen Fall von seinem eisernen Prinzip abweichen, niemanden, auch keinen seiner nächsten Geschäftspartner, näher an sich und sein System und die Zahlen herankommen zu lassen. So lud Behring seinen Partner Buck zu sich an die Petersgasse ein. Dort drehte er die vorgespurte Redesituation, nach der er der Befragte wäre, geschickt um. Behring erteilte Arthur Buck, dem besorgten Anlageberater, einen Revisionsauftrag. Er war auch bereit, dafür gutes Geld zu zahlen.

Der Auftrag bestand darin, seinen Geschäftspartnern Raymond Pousaz und Peter Weibel in der Form eines Auditing-Report zu bescheinigen, dass genügend Aktiven vorhanden seien, um die Verbindlichkeiten der Moore Park gegenüber allen ihren Investoren zu erfüllen. Im Gegenzug erklärte sich Behring bereit, den Schleier über seinem bestgehüteten Geheimnis, seinen Kundenkonten, zu lüften.

Diese Sachlage kam dem Informationsbedürfnis von Buck entgegen und entwaffnete ihn gleichzeitig, da er der Beauftragte und Empfangende war. Aus Behrings Sicht war Arthur Buck, Partner der Treuhand Buck Brunner Partner Treuhand AG, Wallbach, der geeignete Revisor.

Behring war seit einem Jahr an dieser Treuhandgesellschaft mit 20 Prozent des Aktienkapitals beteiligt und sass in deren Verwaltungsrat. Die Gesellschaft war von ihm nicht mehr, wie vom Gesetz und der beruflichen Ethik gefordert, unabhängig. Zudem war die Unabhängigkeit des Revisors vollkommen aus den Angeln gehoben, weil Buck ganze Hundertschaften finanziell potenter Klienten aus Süd- und Mittelamerika mit ihrem Anlagekapital in den Finanzhafen der Moore-Park-Fonds hineinmanövriert hatte.

Der Bericht mit dem Titel «Reviewed broker accounts traded by Swisspulse trading systems» besteht aus vier Sätzen. In der beigefügten Liste sind Aktiven im Wert von 571,3 Millionen Schweizer Franken auf insgesamt 15 Konten bei 8 Brokerfirmen. Ein beträchtlicher Teil davon – nahezu ein dreistelliger Millionbetrag – ist in bar oder Fremdwährung vorhanden, der Rest ist in alternativen Anlagen investiert.

Der Prüfungsbericht bekam erst dadurch seine aussergewöhnliche und für Arthur Buck negative Bedeutung, dass er – mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung – der Presse zugespielt wurde. Dadurch bekamen die Investoren Wind vom «Vorhandensein» dieser Aktiven zu einem Zeitpunkt, als die Moore-Park-Gruppe bereits ihre Verpflichtungen gegenüber den Kunden nicht mehr honorieren konnte. Der Bericht war von der Öffentlichkeit mehrheitlich als eindeutig unglaubwürdig, ja falsch eingestuft worden. Viele Investoren stellten sich zudem die Frage, was mit dem Rest des Kapitals, mit der «grösseren Hälfte», passiert war. Hatte sich doch Dieter Behring kurz vorher noch öffentlich gerühmt, dass 1,4 Milliarden Franken an Kundenvermögen nach dem Swisspulse-System verwaltet würden.

Zu jenem Zeitpunkt, als der Pressesturm bereits in vollem Gang und die Illiquidität der Moore-Park-Anlage seit dem 1. Oktober 2004 offenkundig geworden war, dürfte das Attest nicht mehr geeignet gewesen sein, neues Kapital anzulocken. Wieso wurde es überhaupt der Presse zugespielt und von wem? Es liegt nahe anzunehmen, dass der Bericht von jener Person der Presse zugestellt worden ist, die ihn bei Behring bestellt hatte und an die er adressiert war, von Raymond Pousaz.

Für ihn war auch der Erklärungsbedarf am grössten. Damit im Einklang steht der Medienauftritt von Raymond Pousaz vor dem Reporterteam der «Rundschau» von SF DRS am 27. Oktober 2004, in dem er unter Berufung auf dieses Dokument geltend machte, dass Moore Park eine von Behring verwaltete Black Box sei. Die Situation sei auch für ihn, der sich um die Fonds gekümmert habe, unerklärlich. Behring habe massiven Betrug begangen und alle belogen.

Der Mediensturm

Der Zerfall des Behring-Imperiums wurde im Sommer 2004 offenbar. Der Vorgang war stark medial begleitet, orchestriert und unterlegt. Die einzelnen Phasen des Niedergangs wurden durch die Presse teilweise auch in Szene gesetzt.

Es war der «Tages-Anzeiger», der ein Jahr zuvor Dieter Behring und dessen System über den grünen Klee gelobt hatte, der nun Ende März einen ersten Schlag gegen das Behring-Anlagesystem ausführte. Die Renditen des Finanzgenies werden als «märchenhaft» und als «zu schön, um wahr zu sein» bezeichnet. Trotzdem wird aus dem Inhalt des Artikels klar: Etwas Handfestes im strafrechtlichen oder überhaupt im rechtlichen Sinn lag den Medien zum damaligen Zeitpunkt gegen Dieter Behring nicht vor. Auf den Tag genau einen Monat später erschien sodann in der internationalen Presse und im «Blick» die Nachricht vom 100 000-Franken-Dinner Behrings mit Geschäftsfreunden im Restaurant Pétrus in London.

Behring hätte in dieser Situation der Bedrängnis Entlastung gebraucht. Aber kaum zwei Monate später wurde ein politischer Aspekt seines Finanzimperiums ins Medienlicht gerückt. Am 20. Juni 2004 wurde durch die «SonntagsZeitung» publik gemacht, dass mit Spendengeldern der gemeinnützigen Stiftung Pro Facile in Solothurn im Umfang von 400 000 Franken Vabanque gespielt werde. Und dies ausgerechnet im bahamischen Solo Fund, einem Hedge-Fund des Dieter Behring.

Die Stiftung war von Solothurns Notabeln zu Beginn des Jahres 2003 gegründet worden mit dem Zweck, gemeinnützige Organisationen finanziell zu unterstützen. Die besondere Idee der Stiftung war es, das Gemeinnützige und das Spenden mit dem Geschäftemachen zu verbinden. Den Spendern wurde offeriert, sie könnten Einlagen ab 5000 Franken mit bis zu 4 Prozent durch die Stiftung verzinsen lassen. Die Stiftung hatte dadurch nach Ansicht der Eidgenössischen Bankenkommission gegen das Bankengesetz verstossen. Deswegen läuft gegenwärtig ein Strafverfahren gegen die Verantwortlichen. Offensichtlich hoffte die Stiftung, diese Gelder bei Dieter Behring, einem der Gründungsstiftungsräte, in dessen Hedge-Funds Gewinn bringend, das heisst zu einer noch höheren Rendite, anzulegen. Neben Behring bekleideten der SP-Regierungsrat des Kantons Solothurn, Roberto Zanetti, und dessen Parteikollegin Anita Fetz, Ständerätin von Basel-Stadt, das Amt des Vizepräsidenten der Pro Facile.

Nachdem die «SonntagsZeitung» den Sachverhalt bekannt gemacht hatte, trat Anita Fetz aus dem Stiftungsrat aus. Das sorgte erst recht für Aufsehen. Umso mehr, als mit ihr zusammen gleichzeitig Dieter Behring und auch der Solothurner Regierungsrat Roberto Zanetti den Stiftungsrat verliessen. Die Situation war undurchsichtig, und die Verantwortlichkeiten blieben im Dunkeln, auch nachdem eine Untersuchungskommission ihren Bericht abgeliefert hatte. Am 24. April 2005 wurde Roberto Zanetti als Regierungsrat abgewählt.

Für Dieter Behring gab es nun kein Entrinnen mehr. Schon am 24. Juni 2004 bringt das Ringier-Blatt «Cash» neue und diesmal knüppeldicke Schlagzeilen gegen Dieter Behring in Stellung: «Der grosse Bluff des Basler Börsen-Zauberers – Wie der schillernde Bankier Dieter Behring seine Anleger hinters Licht führt».

Eine derartige Pressekampagne kann kein Finanzinstitut, das Kundengelder aufgenommen hat, heil überstehen. Zunächst war bekannt geworden, dass Dieter Behring im Jahr 2002 Gelder in Höhe von 16 Millionen Franken der Schaffhauser Pensionkassen-Sammelstiftung Provitas zur Hälfte verspekuliert hatte. Es war aber nicht nur die Geschichte mit der Provitas, die Behring neu belastete. Gleichzeitig gelangte «Cash» in den Besitz des Berichts der Revisionsfirma Deloitte & Touche, die es abgelehnt hatte, die Jahresrechnungen 2003 der beiden Funds RS Fixed Fund und Realto Invest Fund zu attestieren. Die zwei Firmen gehörten zum Behring-Imperium und hielten in diesem Firmenlabyrinth als Hauptaktivum bloss Notes der Moore Park Investments (British Virgin Islands). Die Jahresrechnungen und die Rechenschaftsberichte des Verwaltungsrats der beiden Firmen blieben daher ungeprüft. Das war das formaljuristische Aus für die Anlagevehikel der Moore-Park-Gruppe. Sie mussten liquidiert werden.

Viele der durch die Medienberichte aufgescheuchten und verunsicherten Investoren forderten ihre Gelder auf den 1. Oktober 2004 zurück. Dies war der frühestmögliche Zeitpunkt nach der Publikation der negativen Presseberichte von Ende Juni. Auf diesen Termin waren rund 250 Millionen Franken an Kapital und Zinsen zur Rückzahlung fällig gestellt worden. Die Moore-Park-Gruppe war illiquid. Das Behring-System hatte nicht einmal dem ersten Ansturm der Investoren standgehalten, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Behring hatte noch bis kurz vor dem Crash-Termin des 1. Oktober 2004 verkündet, die Investoren würden nicht zu Schaden kommen, ihre Einlagen seien zu 120 Prozent abgesichert. Er persönlich garantiere die Einbringlichkeit ihrer Forderungen.

Dann überstürzten sich die Ereignisse. Der Alleinherrscher Dieter Behring, der niemanden an sich und sein Zahlenreich herankommen liess, blieb allein. Die Übrigen scharten sich um eine Zentralfigur. Und die war zweifellos Peter Weibel, der Geschäftsanwalt. Wer es sich leisten konnte, abseits zu stehen, tat dies. Investoren sind Opfer. Vermittler sind Opfer und Täter. Welche Rolle die andere in den Schatten stellt, werden die Richter am Ende des Prozesses entscheiden.

In dieser Hektik, als jeder der drei Protagonisten von den anderen wechselseitig verlangte, die Gelder, die an Investoren zurückzuzahlen waren, zur Verfügung zu stellen, tauchte die Idee auf, die Gelder könnten über einen Verkauf der Behring-Gesellschaften, eventuell sogar über ein Going-public seiner Gesellschaften, aufgebracht werden.

Mit grossem Halali wurde kurzfristig eine Medienkonferenz auf den 24. August 2004 festgesetzt. Der Medienanwalt Franz Zölch, den Behring engagiert hatte, erschien allein und verschob vor versammelter Journalistenschar die Konferenz auf die kommenden Tage. Dieter Behring blieb im Hotel Savoy am Paradeplatz, wo er hätte auftreten sollen, in Deckung. Die Medienorientierung fand am Tag darauf im Hotel Widder statt. Mit einem Tremolo und mit zunehmend tränenerstickter Stimme las er vom Stehpult die vorbereiteten Sätze ab: «Heute, den 24. August 2004, ist in New York nach Börsenschluss der Verkauf der Schönkind Holding und der Swisspulse öffentlich bekannt gemacht worden. Kunden werden nicht zu Schaden kommen. Die Anlegerverpflichtungen sind zu 115 Prozent gedeckt.»

Käufer sei die London Finance Group (LFG). Diese Firma sollte mit der amerikanisch-kanadischen Firma Can Am Autosales, Vancouver, fusioniert werden, die alsdann als LFG International Inc. firmieren werde. Die Aktien dieser Firma würden sodann in den USA ausserbörslich gehandelt werden können. Kontrolliert werde die Käuferfirma durch den Griechen Kostas Stefanos Liapis.

Die Journalisten des «Tages-Anzeigers» hatten erstaunlich rasch festgestellt, dass die LFG nichts anderes war als eine Briefkastenfirma mit einem Aktienkapital von gerade einem Pfund. Und mit der zweiten Firma, der Can Am Autosales in Vancouver, die mit der LFG in aller Eile am 17. August zur LFG International Inc. fusioniert worden war, stand es nicht besser: Sie war nur eine Firmenhülle mit einem dahinserbelnden Verlustgeschäft der untersten Stufe.

Da war offensichtlich kein Fleisch am Knochen. Somit konnte sich alles Medieninteresse nur noch auf Kostas Stefanos Liapis, den Griechen, konzentrieren. Liapis hatte auf Empfehlung eines Vertreters der UBS Basel den Zürcher Medienberater Klaus Stöhlker engagiert.

Der «Tages-Anzeiger» titelte am 1. September 2004 : «Was Behring und Stöhlker über Liapis erzählten, ist falsch». Innerhalb weniger Tage war klargestellt: Die Kunde vom einflussreichen und wohlhabenden Griechen Kostas Stefanos Liapis hatte sich als Ente erwiesen. Recherchen der Redaktion «10 vor 10» von SF DRS hatten rasch ergeben, dass Kostas Stefanos Liapis in Regierungskreisen unbekannt ist. «Es handelt sich eindeutig um einen Fall von zufälliger Namensgleichheit», schrieb der Botschafter Griechenlands in der Schweiz dem «Tages-Anzeiger». Doch Stöhlker verkündete nach dieser Schlappe unverdrossen: «Die Liapis-Familie hat viele Finanz- und Industriebeteiligungen in Griechenland. Sie ist eine der fünf reichsten Industriellenfamilien des Landes.» Diese Behauptung ist nicht widerlegt worden, aber Kostas Stefanos Liapis zog sich vom Kauf zurück.

Unbeirrt und scheinbar ohne Pause – in Tat und Wahrheit ist das Ganze ein groteskes Pausenclown-Programm – folgte der nächste Akt der Komödie. Neue geheimnisvolle Käufer kündete Stöhlker an: «Zwei angesehene internationale Finanzgruppen haben die Absicht erklärt, die Behring-Firmen mit allen ihren Tochtergesellschaften zu übernehmen. Das neue Aktionariat wird sich kommende Woche der Öffentlichkeit vorstellen.» Dass sich in der Zwischenzeit das geplante Bankenimperium aufgelöst hatte, schien ihn nicht zu kümmern, oder er übersah es.

Am 11. September 2004 war es so weit: Der in München wohnhafte deutsche Adlige Karl Prinz von Thurn und Taxis erklärte, er wolle gemeinsam mit der Finanzfirma Northamerican Sureties (Europe) Ltd., einer Tochtergesellschaft der Northamerican Sureties (NAS), das Behring-Imperium übernehmen. Das Interesse gelte in erster Linie den Behring-Banken Hornblower Fischer, Redsafe und Behring & Eberle in Vaduz. Der 62-jährige Prinz legte Wert auf die Feststellung, die mährische Linie der Dynastie zu vertreten. Die Aktien der Behring-Holding-Gesellschaften wurden jetzt in dieser Zwischenphase von Rechtsanwalt Rudolf Meroni in Zollikon treuhänderisch für einen Unbekannten gehalten, Verschleierung als Geschäftsprinzip. Doch wird vieles aus dem nun folgenden Akt dieser Komödie klar.

Hatte der erste Verkaufsversuch die Hoffnung des Dieter Behring und vielleicht auch mancher Investoren um gut eine Woche verlängert, so hielt die gute Stimmung, die mit dem zweiten Versuch gewagt wurde, nur noch für knapp eine Woche. Als der Prinz begann, das Behring-Firmenreich durch Spezialisten durchleuchten zu lassen anstatt zu kaufen, verlor Dieter Behring, offensichtlich am Ende, dann doch plötzlich die Nerven. Am Montag, dem 13. September 2004, verfasste er kurz entschlossen eine Kaufempfehlung für die Aktie der LFG International mit dem Kursziel von 22 bis 26 US-Dollar. Behring richtete diese verhängnisvolle Empfehlung an die «sehr geehrten Partner, Freunde und Bekannten», versandte sie jedoch freizügig an Vermögensverwalter und Investoren in der Form einer E-Mail und teilte mit, der Gang seiner Schönkind und Swisspulse Holding an die Börse sei via LFG International Inc. und mit Hilfe renommierter Partner abgeschlossen.

Das ist ein sonderbarer Weg, eine Schweizer Firma ohne einführende Bank an die Börse zu bringen. Ein Börsengang braucht etwa neun bis zwölf Monate Vorbereitungszeit. Behring fügte seiner Mitteilung wörtlich bei: «Ich persönlich werde jedenfalls alle mir zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um im Rahmen der mir zustehenden Möglichkeiten zu investieren. Falls Sie meine Einschätzung teilen, können Sie den Kaufauftrag für die Aktie der LFG International Inc. direkt bei Ihrer Hausbank eingeben. Freuen wir uns auf erfolgreiche Zeiten.»

Damit legte er selbst seinen ganzen Kursmanipulationsplan, den er mit seinem Firmenverkauf verfolgt hatte, nicht nur offen, sondern er beschritt ihn gleich selbst bis zum bitteren Ende. Einen solchen Optimismus in der damals erkennbar desolaten Situation zu verbreiten, zeugt von einem stark gestörten Wahrnehmungsvermögen.

Am 16. September wurde bekannt, dass der Verkauf zum zweiten Mal und damit definitiv geplatzt sei. «Wir fühlen uns missbraucht», klagten die Vertreter der Northamerican Sureties (NAS) gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Der Prinz meldete sich nicht mehr zu Wort.

Im Taumel und Stress der Verkaufsverhandlungen war den Akteuren Behring und Weibel die Situation der drei gekauften Banken Hornblower Fischer, Redsafe und Behring & Eberle völlig aus dem Ruder gelaufen. Wechseln die Aktionäre einer Bank, so beeinflusst dies die Art, wie die Bank geführt wird. Deshalb muss die Bank die Aufsichtsbehörde davon unterrichten, wenn sich etwas Wesentliches im Aktionariat ändert. Diese prüft auf Grund der neuen Situation, ob weiterhin Gewähr geboten ist, dass die Bank in einwandfreier Art und Weise geführt wird.

Schon als Dieter Behring – wenn auch halb versteckt als Aktionär der beiden Holding-Firmen – die Kontrolle über die Banken übernahm, war die Situation für ihn wegen seiner Vergangenheit ausserordentlich heikel. Die Situation der Banken spitzte sich dramatisch zu, als am 24. August der Verkauf der Holding publik wurde.

Zwar hatte die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) der Redsafe am 6. September eine Verfügung zugestellt, ein geheim gehaltenes Ultimatum: Wenn Redsafe nicht in den nächsten Wochen der EBK einen Käufer präsentiere, der die Anforderung einer Gewährsprüfung erfülle, müsse die Bank liquidiert werden. Nicht angesprochen, aber noch immer offen war die Frage, ob Dieter Behring die Anforderung erfüllte. Sie war seit Anfang 2003, also seit über zwanzig Monaten, offen geblieben. Die Redsafe schrieb in ihrer Medienmitteilung vom 21. September 2004, Dieter Behring habe «ausreichende Mittel für eine geordnete Betriebseinstellung inklusive Sozialplan zur Verfügung gestellt». Das war alles in den Wind gesprochen.

Fassen wir die beiden vorhergehenden Ereignisse in zwei Sätzen zusammen, damit wir Behrings nächsten, letzten selbstständigen Schritt als Financier besser einordnen können. Am 16. September war der Versuch, die Holding-Firmen Behrings zu verkaufen, zum zweiten Mal gescheitert. Fünf Tage später wurden das endgültige Aus der Bankübernahmen und der Wegfall der Banklizenz für Behrings Redsafe-Gesellschaften bekannt.

Behring traf in dieser ausweglosen Situation einen weit reichenden, mutigen Entscheid. Er wagte es. Wer angreift, ist im Vorteil. Er suchte sich einen Rechtsanwalt aus, nicht an seinem Wohn- und Geschäftssitz in Basel, sondern in Zürich. Er wählte sich den offiziellen Anwalt der Tiere des Kantons Zürich, Markus Raess, aus. Behring instruierte seinen Anwalt, dringlich eine Strafanzeige gegen seine Partner einzureichen. Er beschuldigte Arthur Buck, ihn in der Besprechung vom Vortag unter Druck gesetzt zu haben, die fälligen Kapitalien zu beschaffen. Er erklärte das Investitionskapital als verloren. Das Dokument wurde noch am selben Tag fertig gestellt und vom Rechtsanwalt bei der Kantonspolizei Zürich eingereicht. Damit war Behring von der Kulturstadt Basel, deren Botschafter er ja noch wenige Monate zuvor hatte werden wollen, etwas abgerückt.

Am Freitag, dem 1. Oktober 2004, durfte Behring bei der Kantonspolizei in Zürich zusammen mit seinem Rechtsanwalt aufmarschieren und sagen, was er wollte. Dieter Behring wusste, welches die Reizworte für Fahnder sind. Sein von ihm gelegter Faden wurde aufgenommen und in Richtung seiner Partner weitergesponnen. Etwas später in der Einvernahme erfolgte nochmals der Hinweis von Behring auf drei, vier Orte, wo sehr wichtige Dokumente sein könnten. Und dann wurde Behring ungeduldig, liess den Tiger aus dem Käfig und gab zu Protokoll: «Die Sache geht dann los, sobald ich diese Herren nicht mehr länger hinhalten kann. Damit meine ich, dass Akten vernichtet und Personen die Flucht ergreifen werden.»

Damit ist klar, was Behring von der Polizei wollte. Sein Appell hiess: Ergreift meine Partner und werft sie ins Loch, sonst verschwinden sie und mit ihnen jeder Beweis des Anlagebetruges!

Wieder einmal schien Dieter Behrings Rechnung aufzugehen. Doch heimlich und unbemerkt von ihm vollzog sich eine Wende in der Richtung, in der gefahndet wurde. Behrings Anzeige- und Denunziationsaktion wirkte auf ihn zurück. Am 19. Oktober löste die Staatsanwaltschaft Basel in Zusammenarbeit mit den Polizeistellen in Zürich und in anderen Kantonen eine konzertierte Polizeiaktion aus. Allein im Kanton Zürich standen drei Dutzend Beamte für die Durchführung der Aktion im Einsatz. Es kam zu Verhaftungen und Hausdurchsuchungen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz. Die Einsatzleitung oblag der Basler Staatsanwaltschaft. Auch die Fahnder haben ihren Jargon und ihre verschwörerischen Geheimcodes, an denen sich die Freude an ihrem Beruf entzünden kann. Sie nannten die Aktion «Berry», was eher an einen Hundenamen erinnert, aber offensichtlich an den Namen Behring anknüpfte.

Geografisch zentrierte sich das vermutete kriminelle Geschehen in Basel. Das Verfahren wurde gegen das Behring-Trio geführt, also auch gegen ihn selbst, ferner gegen einen juristischen Mitarbeiter von Peter Weibel. Auch die vier grössten Vermittler waren im Visier der Justiz. Es richtete sich gegen Arthur Buck als Vermittler und Revisor, den Vermittler und Mitverwaltungsrat in den Behring-Firmen Willy Wüthrich sowie gegen die beiden Vermittler Beat Bangerter und Jean Kämpf, die über ihre gemeinsamen Aktiengesellschaften ein riesiges Anlagevolumen der Moore-Park-Gruppe zugeführt hatten.

Behring hatte nicht damit gerechnet, plötzlich um sieben Uhr morgens von Basler Polizisten in Begleitung von Beamten der Bundesanwaltschaft an seinem Domizil an der Petersgasse festgenommen zu werden, nachdem er die Fahnder ausschliesslich auf seine Partner scharf gemacht hatte. Er sass auch nicht auf gepackten Koffern. Der Haftbefehl am folgenden Tag wurde denn auch nicht etwa mit Flucht-, sondern mit Kollusionsgefahr, also der Gefahr der Beweisverdunkelung, begründet.

Überrascht von der Verhaftung zeigten sich auch Strafrechtsexperten. Es lagen im Moment der Verhaftung keine Strafanzeigen geschädigter Investoren vor. Die Verhaftung hatte Dieter Behring durch seine eigene Strafanzeige offenbar selbst ausgelöst. Trotzdem hatte Behring unerhörtes Glück. Die Bundesanwaltschaft meinte es gut mit ihm. Sie entliess ihn nach 188 Tagen Haft, ohne dass ein Haftentlassungsgesuch vom Gericht gutgeheissen worden wäre, ja nicht einmal ein neues Gesuch wurde gestellt. Auf dieselbe unerklärliche Art, wie Behrings Haft begonnen hatte, wurde sie nach einem halben Jahr, am 25. April 2005, zwei Tage vor seinem 50. Geburtstag, ohne ersichtlichen Grund abrupt beendet. «Die Bundesanwaltschaft hat die Freilassung verfügt», liess sich ihr Sprecher vernehmen. Behring müsse sich für die Strafverfolgung zur Verfügung halten. Dazu seien «entsprechende Massnahmen» getroffen worden.

Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Buchmanuskripts. In Teil 1 des Vorabdrucks «Der Börsenguru» berichtete die BILANZ in Heft 13 über den Aufstieg von Dieter Behring.

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